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Die frühen Kupferhöfe

Die jüngeren Kupferhöfe

Kupfermeister und Reitmeister

 

 

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Stolberger Kupferhöfe,

Zeitdokumente vorindustrieller Betriebs- und Wohnkultur.

Text: Friedrich Holtz
Fotos: Axel Pfaff


Die geschichtliche Entwicklung der Region Stolberg ist in hohem Maße von der Herstellung und Verarbeitung einer aus Kupfer und Zink bestehenden Legierung (dem Messing) geprägt worden. Die Messingproduzenten, die so genannten Kupfermeister, fanden in Stolberg mit

äußerst günstige Standortbedingungen vor. Im 18. Jahrhundert beherrschten die Stolberger Kupfermeister nahezu konkurrenzlos und monopolartig die Messingmärkte in ganz Europa.

Die Epoche der Kupfermeister begann im ausgehenden 16. Jahrhundert, als der Aachener Kupfermeister Leonhard Schleicher 1575 den ersten Kupferhof (Messingproduktionssstätte mit Wohnanlage) in der heutigen Burgstraße errichtete. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts vollzog sich eine nahezu vollständige Umsiedlung der Messingproduktion von Aachen nach Stolberg, wobei sich ebenfalls eine Verlagerung der Wohnsitze ergab.

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Der erste in Stolberg erbaute Kupferhof, der 1575 von Leonhard Schleicher in der heutigen Burgstraße errichtet wurde.
Nach dem Niedergang der Messingindustrie im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert sind viele der alten Kupferhöfen gänzlich verschwunden. Trotzdem blieb ein gutes Dutzend der alten Anlagen zumindest teilweise und in unterschiedlichem Bauzustand erhalten. Dies gilt insbesondere für die Wohntrakte der ehemaligen Betriebshöfe.

Eine effektive Nutzung der damals benötigten Wasserkraft konnte nur durch weiträumige Besiedlung entlang der Gewässerläufe ermöglicht werden, da man zum Antrieb der Mühlräder neben einer gewissen Wassermenge auch ein nutzbares Gefälle benötigte. Dieses Gefälle ist natürlich abhängig von den topographischen Gegebenheiten. Abhängig vom Gefälle des Wasserlaufes ließ sich eine hinreichende Fallhöhe des Aufschlagwassers nur erreichen, wenn die einzelnen Kupferhöfe mit ihren Wasserrädern in entsprechender Entfernung zueinander errichtet wurden, und man das Wasser über entsprechend geführte Mühlgräben den Antriebsrädern zuleitete.

Dies führte dazu, dass relativ weit auseinander liegende Einzelhöfe entstanden, wie beispielsweise Enkerei, Sonnental, Grünenthal oder Rosental. Somit durchziehen die alten Kupferhöfe das gesamte heutige Stadtkerngebiet und bilden reizvolle, unverwechselbare Architekturelemente im Erscheinungsbild der Stadt.

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Ausschnitt aus dem Vichttalplan von E. Walschple

Ein Vergleich von Konzeption, Anlage und Bauausführung zwischen Kupferhofanlagen unterschiedlicher Entstehungszeiten lässt auch heute noch den wachsenden wirtschaftlichen Erfolg und den zunehmenden Wohlstand der Kupfermeister erkennen.

 

Die frühen Kupferhöfe
Die Umsiedlung aus der relativ sicheren, befestigten Stadt in das freiliegende und dünn besiedelte Gebiet von Stolberg hatte natürlich gewisse Einschnitte bezüglich der allgemeinen Lebensbedingungen zur Folge. Für die Verteidigung von Hab, Gut und Leben gegenüber herumvagabundierenden Horden war man nunmehr weitgehend selbst zuständig. Die Bedeutung dieses Aspekts wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Errichtung des Hauptanteils der Stolberger Kupferhöfe im 17. Jahrhundert erfolgte, zu einer Zeit also, wo in weiten Teilen Europas der Dreißigjährige Krieg mit entsetzlicher Brutalität tobte. Wenn auch unser Gebiet von direkten Kriegseinwirkungen einigermaßen verschont blieb, war man sich dennoch der potentiellen Gefahren bewusst und musste täglich Schlimmes befürchten.

Daher wurden die frühen Kupferhöfe in Stolberg als geschlossene, wehrhafte und verteidigungsfähige Hofanlagen errichtet, die üblicherweise einen von Wohn- sowie Betriebsgebäuden und Stallungen völlig umbauten Innenhof bildeten. Die Anlage war nur durch ein wohlbefestigtes Tor zugänglich. Während die Fenster ausschließlich dem Innenhof zugewandt waren, präsentierte sich ein Kupferhof nach außen hin als Festung. Wehrhaftigkeit als unerlässlicher und konzeptioneller Aspekt bei der Planung und Errichtung von Kupferhöfen verlor im Laufe der Zeit mehr und mehr an Bedeutung. Quellen: NAGEL J.G. (2000) Seite 167

Mit dem Aufblühen des Messinggewerbes sowie dem stetig wachsenden Wohlstand und dem damit verbundenen Selbstbewusstsein bzw. Selbstverständnis der Kupfermeister schuf man im 18. Jahrhundert erheblich repräsentativere Anlagen. Was Größe und Ausstattung anbelangt, entwickelten sich die Wohntrakte zu großzügig angelegten Herrenhäusern, die von gepflegten, parkartigen Anlagen umgeben waren und teilweise auch heute noch den Charakter von fast feudalen Herrensitzen aufweisen.

Obschon auch die frühen Kupferhöfe meist nicht als Fachwerkbauten, sondern unter Verwendung des heimischen Kalksteins in solider, aufwändiger Massivbauweise errichtet wurden, blieben Größe und Bauausführung eher bescheiden und einfach.

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Innenhof der „Hinteren Schart“
Betrachtet man beispielsweise die Innenhöfe der kurz vor 1600 entstandenen Doppelhofanlage Schart, so fällt eine fast schon bedrückende Enge auf, die in krassem Gegensatz zu den großzügig konzipierten Anlagen späterer Zeiten steht, wie etwa die Höfe Grünenthal oder Rosental.

Hinsichtlich der ursprünglichen Bauausführung der frühen Kupferhöfe liefert der ebenfalls vor 1600 entstandene Kupferhof „Alter Markt“, früher auch Rose genannt, ein augenfälliges Beispiel. Hier nämlich ist die rückwärtige Außenfassade noch weitestgehend im Originalzustand erhalten. An diesem Gebäudedetail lässt sich recht gut erkennen, wie wenig einladend das äußere Erscheinungsbild der frühen Kupferhöfe ursprünglich gewirkt haben muss.

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Rückfront des Kupferhofes Rose
Diese Außenfront ist im Gegensatz zu den übrigen Gebäudeteilen offensichtlich deshalb nicht umgestaltet worden, weil im Abstand von nur wenigen Metern die Gebäude des heute nicht mehr existierenden Kupferhofes „Fingerhut“ begannen. Bezüglich dieser Außenwand hatte man also keinerlei Gestaltungsspielraum, und ein nachträgliches Brechen von Fensteröffnungen oder sonstige Veränderungen wären kaum sinnvoll gewesen, da der angrenzende „Fingerhut“ die Sicht und den Lichteinfall verdeckte.

Natürlich gibt es die sehr naheliegende Vermutung, dass die Fertigung von Fingerhüten namengebend für diesen Kupferhof gewesen ist. Die Stolberger allerdings erzählen eine völlig andere, anekdotenhafte Geschichte, die gleichwohl in gewisser Weise aufschlussreich ist. Hiernach sollen die Bewohner zum allmorgentlichen „sich Recken“ in den Innenhof getreten sein. Beim Recken mit weit ausgebreiteten Armen, habe die Gefahr bestanden, sich die Fingerkuppen an den Wänden des engen Innenhofes zu verletzen. Daher sollen vor dem Recken an beiden Händen Fingerhüte aufgesteckt worden sein.

 

Die jüngeren Kupferhöfe
Während im ausgehenden 16. und im Verlauf des 17. Jahrhunderts relativ einfache, „geschlossene“ Hofanlagen errichtet wurden, entstanden im beginnenden 18. Jahrhundert Anlagen, die entsprechend ihrer Funktion immer noch Kupferhöfe genannt wurden, die jedoch hinsichtlich Architektur und Erscheinungsform eher als Herrenhäuser anzusprechen wären.

Der um 1700 entstandene Kupferhof Grünenthal bietet hierfür ein gutes Beispiel. Hier wird ein weitläufiger, nach Norden offener Innenhof von einem mit zwei Türmen versehenen, prächtigen Hauptgebäude sowie von zwei quergestellten Seitenflügeln umfasst.

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Kupferhof Grünenthal

Entsprechend des damaligen Zeitgeschmacks schloss sich im Süden (im Bereich des heutigen Kaiserplatzes) ursprünglich ein prächtig gestalteter Barockgarten an.

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Radierung R. Mertens,
mit freundlicher Genehmigung der rolandmertens-art.de

Obschon diese weiträumigen Gartenanlagen zum größten Teil verschwunden sind, zeigt das Anwesen auch heute noch ein Gepräge, das mit den früher entstandenen Kupferhöfen wie Schart oder Rose überhaupt nicht zu vergleichen ist. Die Unterschiede in der Architektur von Kupferhöfen, deren Entstehungszeiten nur etwa 100 Jahre auseinander liegen, dokumentieren einen ganz augenfälligen und erstaunlichen Wandel im Lebensstil und im Selbstverständnis der wirtschaftlich äußerst erfolgreichen Kupfermeister.

Diese Entwicklung wurde allerdings auch ganz entscheidend durch die Tatsache unterstützt, dass die Zeiten mittlerweile erheblich sicherer geworden waren. Der Dreißigjährige Krieg und seine Folgen waren überstanden und die politischen Verhältnisse hatten sich weitestgehend stabilisiert.

Ein weiteres Beispiel für eine prachtvolle Hofanlage ist der Kupferhof Rosental, der 1724 im Auftrag von Johannes Schleicher durch den bekannten Baumeister Tillmann Roland erbaut wurde. Auch hier bildet das eindrucksvoll gestaltete Hauptgebäude zusammen mit zwei vorgelagerten, quergestellten Seitenflügeln einen großräumigen Innenhof, der nach Osten von einem Wassergraben mit prächtigem Brückenportal abgeschlossen wird. Besagter Wassergraben diente hauptsächlich als dekoratives Gestaltungselement sowie als Reservoir für das Antriebswasser und erfüllte kaum noch Schutz- oder Verteidigungsfunktion.

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Kupferhof Rosental

Im Gegensatz zu allen übrigen Kupferhofanlagen wurden die Fassaden des Hofes Rosental mit Kalkmergelplatten verblendet. Nicht nur die zart- gelbe Farbe der Kalkmergelverblendung, sondern auch die Gesamtgestaltung des Bauwerkes, verleihen der Anlage das Gepräge eines kleinen Landschlosses.

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Ehemaliger Betriebshof Rosental
Als weitere Besonderheit ist die Tatsache zu werten, dass die Gebäude des vorgelagerten, ehemaligen Betriebshofes noch erhalten sind. Interessant und aufschlussreich sind hierbei die Größenrelationen zwischen Betriebshof und Wohntrakt. Es ist kaum vorstellbar, aber der relativ kleine Betriebshof erwirtschaftete den Wohlstand, der sich in der Anlage des Herrenhauses manifestierte.

Es mag uns heute sehr überraschen, aber der repräsentative Charakter der Kupferhofanlagen mit der barocken Prachtentfaltung dürfte z.T. durch die protestantische Glaubensauffassung und namentlich durch die kalvinistische Prädestinationslehre erklärbar sein.

 

Kupfermeister und Reitmeister
Während sich die bisherigen Betrachtungen ausschließlich auf das Gebiet der heutigen Innenstadt bezogen, wäre abschließend ein weiteres Gebäude-Ensemble zu erwähnen, welches etwas außerhalb des Stadtkerns in Richtung Vicht liegt und unter dem Namen Bernardshammer bekannt ist. Auch diese Gebäudegruppe ist für die baugeschichtliche Entwicklung der metallschaffenden und –verarbeitenden Hofanlagen aufschlussreich und bezeichnend.

Hierbei wäre allerdings vorauszuschicken, dass es im Stolberger Tal neben dem Messinggewerbe auch eine frühe Eisenhüttenindustrie gegeben hat, die vorwiegend im oberen Vichttal ansässig war und von den sogenannten Reitmeistern betrieben wurde.

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Dollartshammer, Aquarell nach Walschaple von G. Dodt.
In der historischen Entwicklung hat es zwischen beiden Gewerbezweigen (Eisen und Messing) ganz enge und ganz direkte Verbindungen gegeben. Der bereits 1464 urkundlich belegte Dollartshammer beispielsweise wurde ursprünglich als Reitwerk konzipiert, konzessioniert und als solches auch angelegt. Mit zunehmender Blüte der Messingindustrie fand dann gegen 1580 eine Umwidmung zum Kupferhof statt.

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Kleinbernardshammer
Ganz ähnlich lagen die Verhältnisse bei dem Hof Bernardshammer, der sich ebenfalls vom ursprünglichen Reitwerk zum Kupferhof wandelte. Die Hofanlage wurde 1564 als Reitwerk von Bernhard Mondenschein erbaut, welcher auch namengebend für diesen Betriebshof war. Der Begriff Hammer ist eine Kurzbezeichnung für ein Hammerwerk (mechanisierte, wasssergetriebene Hammeranlage) und findet häufig als Flurname oder als Bezeichnung für Gebäude oder Höfe Verwendung, wo solche Hammerwerke installiert waren.

In der ersten Hälfte des 17 Jahrhunderts wurde der Bernardshammer zum Kupferhof umgewidmet und über Generationen von der Familie Schleicher betrieben. Leonhard Schleicher errichtete 1723 in unmittelbarer Nachbarschaft ein neues, repräsentatives Herrenhaus, den sogenannten Großbernardshammer. Der ursprünglich entstandene Teil der Anlage wurde sinnentsprechend Kleinbernardshammer genannt. Die beiden dicht beieinander liegenden Gebäude lassen auch heute noch die Entwicklung von Wohlstand, Wohnkultur und Selbstbewusstsein der früheren Besitzer erkennen. Darüber hinaus zeigt gerade dieses Beispiel aber auch, wie stark das außergewöhnlich erfolgreiche Messinggewerbe die Wirtschaftsstruktur im Stolberger Tal dominiert hat.

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Großbernardshammer


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