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Naturerlebnis Galmeiflora

Möglicherweise kennen Sie vom Hörensagen oder aus eigener Anschauung die Narzissenwiesen in den Tälern unserer wunderschönen, nahe gelegenen Eifel, wo im zeitigen Frühjahr die gelben „Osterglocken“ erblühen. Wenn auch nicht ganz so spektakulär, so hat Stolberg doch eine ähnliche Rarität zu bieten. Hierbei handelt es sich um ein gelb-blühendes Veilchengewächs, welches weniger durch seine Größe, wohl aber durch eine erstaunliche und faszinierende Blütenfülle auf merkwürdig kargen Flächen zu überzeugen weiß.

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Galmei, der Stoff, aus dem einst Messing wurde.
Anzutreffen ist diese Veilchenart vorwiegend an Standorten, wo in früherer Zeit Galmei, ein damals zur Herstellung von Messing erforderliches Zinkerz, geschürft wurde. Dieser Galmei war nicht nur namengebend für unser Veilchen, auch die Gesamtheit der für diese Flächen charakteristischen Pflanzen wird zusammenfassend als Galmeiflora bezeichnet.

Wenn weiter oben von Rarität die Rede war, so ist diese Wortwahl mehr als berechtigt. Denn besagtes Galmeiveilchen kommt auf der ganzen, weiten Welt nur in unserer Region vor. Es ist, wie man zu sagen pflegt, von stark endemischem Charakter.

Der eingangs angeführte Vergleich zwischen Galmeiveilchen und Eifelnarzisse ist hinsichtlich des Bekanntheitsgrades und der öffentlichen Wahrnehmung zugegebenermaßen etwas gewagt. Andererseits muss das Galmeiveilchen einen Vergleich durchaus nicht scheuen. Denn das Galmeiveilchen bietet unseren Gästen und Besuchern den Vorteil einer erheblich längeren Blütezeit, die sich von Mai (Hochblüte etwa Mitte Mai) bis August erstreckt. Je nach Wetterlage lassen sich blühende Einzelexemplare auch noch im September finden.

Außerdem weist das erzanzeigende Pflänzchen in dezenter, sympathischer Art und Weise auf lokale Wirtschaftsgeschichte hin, die über Jahrhunderte durch Galmei und Messing geprägt war. Somit ist unsere Galmeiflora mit dem weltweit einzigartigen Galmeiveilchen nicht nur eine botanische Besonderheit, sondern gleichermaßen ein Symbol für die günstigen Standortbedingungen, welche die Kupfermeister im Stolberger Tal vorfanden. Neben der attraktiven Altstadt und den prächtigen Kupferhöfen ist, wenn auch nicht ganzjährig sichtbar, unsere Galmeiflora Teil der charakteristischen Sehenswürdigkeiten, die zur unverwechselbaren „Location“ Stolberg gehören.

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Kupferhof Grünenthal

Auf Grund der thematisch eng verflochtenen, in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander gelegenen „Highlights“ aus den Bereichen Natur, Technik und Kultur ergibt sich die äußerst reizvolle Möglichkeit, unsere Kupferstadt als variantenreiches touristisches Gesamterlebnis mit Alleinstellungsanspruch überzeugend darzustellen.

Dem aufmerksamen Betrachter dürfte die Bedeutung des Galmeiveilchens schon bei einem Besuch des Galmisbrunnens auffallen. Am oberen Rand der aus dem Brunnenbecken aufragenden Stele ist unserem Galmeiveilchen in Form eines umlaufenden Relieffrieses ein Denkmal gesetzt. In den Monaten September bis April wird man sich mit dem Anschauen dieses Abbildes zufrieden geben müssen. In allen anderen Monaten lädt das blühende Galmeiveilchen zu einem Abstecher in die reizvolle Umgebung ein. Nur wenige Kilometer sind zurückzulegen, wenn man Galmeiveilchen & Co. nicht nur als Bronzeguss, sondern als lebende Pflanzen in authentischem Ambiente erleben möchte.

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Sowohl das geographisch sehr begrenzte Verbreitungsgebiet (Stolberger Raum und Teile von Ostbelgien) als auch die meist nur kleinflächigen Galmeiflora-Standorte innerhalb dieses Bereiches erfordern und rechtfertigen einen höchstmöglichen Naturschutzstatus dieser Flächen (Natura 2000).

Den Stolbergern sei an dieser Stelle gestattet, unsere Gäste in rheinischer Mundart aufzufordern, uns bei der Erhaltung und Bewahrung unseres botanischen Kleinods zu unterstützen:

Söns op de Welt, dat ess a Dänge,
kanns'te die Veilcher nerjens fenge.
D'r Herrjott, dat äss onjelore,
hat se oss zum Schutz empfohle.

Bei den Standorten von Galmeiveilchen & Co. handelt es sich in der Regel um Offenlandflächen, wo häufig Bodenbrüter (z.B. Heidelerchen) ein Refugium gefunden haben. Beim Verlassen der Wege zertritt man also nicht nur die schützenswerte Vegetation, sondern stört auch das Brutgeschäft des selten gewordenen Vogels, der unsere Rücksichtnahme mit seinem typischen Trällern reichlich belohnt. Zu dieser Rücksichtnahme gehört natürlich auch, dass man vierbeinige Wegbegleiter nicht frei herumlaufen lässt.

Galmeiveilchen
Besagtes Galmeiveilchen (Viola lutea ssp. calaminaria) bildet mit weiteren Charakterarten (Grasnelke, Frühlingsmiere, Schafschwingel) eine Pflanzengesellschaft, die als Galmeiflora bezeichnet wird, und vorwiegend dort beheimatet ist, wo die lokalen Galmeierze an der Tagesoberfläche anstehen. Nicht nur das Galmeiveilchen selbst, sondern auch die spezielle Artenzusammensetzung der Galmeiflora kann weltweit nur auf den Erzfeldern der hiesigen Region beobachtet werden.

Durch den hohen Gehalt an Schwermetallen werden die sonst üblichen Vegetationsformen verdrängt, so dass Nischen für die schwermetalltoleranten Arten (Metallophyten) der Galmeiflora entstehen, die zwar auch auf unbelasteten Böden gedeihen könnten, dort aber von kräftigeren (nicht oder weniger schwermetalltoleranten) Arten verdrängt werden.

GletscherBezüglich der Herkunft und Entstehung ist die Vegetationsgemeinschaft der Galmeiflora als eiszeitliche Reliktgesellschaft zu betrachten. SCHWICKERATH, M. (1954) Seite 79

Mit beginnender Vergletscherung zu Anfang der letzten Eiszeit wurden die einzelnen Arten dieser Pflanzengesellschaft aus ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet in Richtung sub-nivaler Klimazonen (gemäßigtes Eiszeitklima) verdrängt und konnten auch in der hiesigen Region recht gut überleben. Als mit beginnender Warmzeit die Vegetation wieder üppiger wurde, blieb den Arten, die während der Eiszeit hier Zuflucht gefunden hatten, nichts anderes übrig, als sich zunächst auf kargere Böden zurückzuziehen, die von Pflanzen mit stärkeren Wuchsformen gemieden wurden.

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Grasnelke,
Zeichnung: H. Kaußen
Zu diesen Refugien gehörten ganz offensichtlich auch die wenig tiefgründigen, kargen u. trockenen Böden im Bereich der Kalkstein-Züge unserer Region. Aber auch hier wurde im Laufe der Zeit der Populationsdruck so groß, dass die während er Glazialzeit eingewanderten Arten immer mehr in Richtung der Schwermetall-Böden verdrängt wurde. Über eine Vielzahl von Pflanzengenerationen bildete sich hierdurch eine gewisse Schwermetalltoleranz aus, u. im Laufe der Zeit entwickelten sich durch Anpassung u. natürliche Auslese  neue, eigenständige Unterarten, die in ihrer Gesamtheit ensprechend ihrer auffälligsten Charakterart Violentum calaminariae genannt wird.

Von der mehrfach erwähnten, auf natürlichem Weg entstandenen (geogenen) Schwermetallkontamination der standorttypischen Böden sollte man sich keinesfalls abhalten lassen, die reizvollen Galmeifluren an einem schönen Frühlings- oder Sommertag (vorzugsweise Mitte Mai bis Juni) zu besuchen. Obwohl in der unmittelbaren Umgebung von Stolberg noch ein gutes Dutzend dieser höchst interessanten Biotope zu finden sind, können zwei Standorte ganz besonders empfohlen werden.

Schlangenberg
Der durch einschlägige Fachpublikationen bekannt gewordene Schlangenberg gehört zum ehemaligen Grubenfeld Breinigerberg und steht mit seinen großflächigen Kalkmagerrasen seit einigen Jahren unter Naturschutz. Das wertvolle Schutzgebiet mit europäischem Schutzstatus weist sowohl hinsichtlich Flora als auch Fauna einen außergewöhnlichen Artenreichtum auf. Eine Vielzahl der hier heimischen Arten stehen auf der "Roten Liste". Neben reicher Galmeiflora sind u.a. heimische Orchideenarten zu finden.

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Grasnelke und Taubenkropf
Die auf dem nicht allzu großen Gelände des Brockenberges anzutreffende Galmeiflora ist hinsichtlich der Populationsdichte von Galmeiveilchen und Grasnelke mehr als bemerkenswert und liegt dort in erheblich reinerer Form vor, als dies an flächenmäßig größeren und bekannteren Standorten der Fall ist. Die Galmeiflur am Brockenberg ist jedoch nicht nur bezüglich ihrer idealtypisch ausgebildeten Zinkpflanzengesellschaft interessant, sondern stellt zugleich auch eines der letzten, halbwegs erhaltenen Erzschürfgebiete aus vorindustrieller Zeit dar. Das stark zerfurchte Gelände ist somit auch als montanhistorisches Zeugnis durchaus von Bedeutung.

Text: Friedrich Holtz, Fotos: Axel Pfaff.
In Zusammenarbeit mit Christoph Vanberg,
Biologische Station im Kreis Aachen e.V.

Quellen: SCHWICKERATH, M. (1954) Seiten 23 u. 79

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