Alphabet der Heimatkunde

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Inhalt:

Geologische Gegebenheiten und Abbauverhältnisse

Kalkstein und Verkehrsstrukturen

Fast schicksalhaft miteinander verknüpft

Schließung der Grube Diepenlinchen

Ein Streik und die Folgen

Die Entwicklung der Grube

Erst knapp 100 Jahre her und schon vergessen

Ausgeprägte Bergbauregion

Pendler zur Zeit der Jahrhundertwende

Überwunden und fast vergessen

 

 

 
 

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Alphabet der
Heimatkunde

Kalkstein, Erze und Sozialstrukturen

Friedrich Holtz

 

Betriebsverhältnisse, Bedeutung und
Schließung der Erzgrube Diepenlinchen.

Während der frühere Erzreichtum unserer Gegend so langsam in Vergessenheit zu geraten droht, sind Präsenz und Nutzung der Kalksteinvorkommen im Stolberger Raum auch heutzutage noch offenkundig und kaum zu übersehen.

In vielen Steinbrüchen sind die aus Kalkstein bestehenden Gebirgskörper künstlich angeschnitten, und im Bereich der Taleinschnitte des Vichtbaches ist es bspw. seit undenklichen Zeiten auch zu natürlichen Aufschlüssen gekommen, die den hellen Kalkstein in eindrucksvollen Felsformationen erkennen lassen. Man denke nur an den Burgfelsen und an den Jungfernstein, die beide durch die unablässige Tätigkeit des Vichtbaches bloßgelegt worden sind. Auch im Siedlungsbild tritt der Kalkstein als landschaftstypisches Baumaterial ganz augenfällig in Erscheinung. Zwei typische Beispiele hierfür sind die Stolberger Burg und der Straßenzug Alt-Breinig.

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Jungfernstein
Foto: F. Holtz
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Burgfelsen
Foto: F. Holtz
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Alt-Breinig
Foto: G. Dodt

Die in unserem Gebiet vorkommenden Erze hingegen sind heute sehr viel weniger offenkundig, und die Zeit ihrer Förderung ist längst schon Geschichte geworden. Als letztes und größtes Erzbergwerk unserer Gegend stellte die Grube Diepenlinchen 1919 den Betrieb ein. Der Abbau der Stolberger Zinkerze, die sowohl für die Kupfermeister als auch für die hier entstandene Zink- und Blei-Industrie von entscheidender und existentieller Bedeutung gewesen waren; dieser Abbau also ging nach insgesamt fast zwei Jahrtausenden reger Schürftätigkeit (Unterbrechungen eingeschlossen) mit der Schließung der Mausbacher Grube vor fast 100 Jahren endgültig zu Ende.

Erzgrube Diepenlinchen
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Archiv W. Hamacher
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Ölgemälde von Franz Hüllenkremer

Kalkstein und Erze kommen bzw. kamen also im Stolberger Raum gleichermaßen vor und haben auf den ersten Blick eigentlich kaum etwas miteinander zu tun. Bei genauerem Hinsehen jedoch bestehen zwischen beiden enge, vielschichtige, fast schicksalhafte Verknüpfungen, die sich sowohl auf die Entstehung der Erze als auch auf deren Abbau und in der Frühzeit ebenfalls auf deren Zugänglichkeit beziehen.


 

Geologische Gegebenheiten und Abbauverhältnisse

In grauer Vorzeit der erdgeschichtlichen Entwicklung wurden die in der Devon- und Karbonzeit entstandenen, zu Stein verfestigten Kalkablagerungen durch Verschiebungen und Bewegungen in der Erdkruste deformiert und letztlich zu einer Mittelgebirgslandschaft aufgefaltet. Manchmal bewirkten diese Kräfte im Erdinnern nicht nur eine Auffaltung, sondern auch ein Bersten der Gebirgskörper, wodurch Spalten, Risse und Klüfte im Gebirge entstanden. 

Vor ungefähr 200 Millionen Jahren sind dann wässrige Erzlösungen in diese Kluftsysteme eingedrungen, haben hier mit dem Kalkstein reagiert und ihren Mineralgehalt auf Grund dieser Reaktion in Form von Zink- Blei- Erzen abgelagert. Die so entstandenen Erze begannen, von der Oberfläche ausgehend, zu verwittern (Oxidation), so dass im oberflächennahen Bereich der Galmei entstand. Die Erzbildung war also an die Kluft- und Spaltsysteme der Kalksteinformationen gebunden und trat vorwiegend dort auf, wo das Gefüge der Gebirgskörper gelockert und der Abbau entsprechend einfach zu bewerkstelligen war.

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Skizze: F. Holtz


  

Kalkstein und Verkehrsstrukturen

Diese außerordentlich günstigen Lagerstättenverhältnisse erlaubten bereits eine Nutzung der Erze zu keltisch-römischer Zeit. Die frühe Besiedlung in den Bereichen der heutigen Orte Kornelimünster, Breinig, Breinigerberg, Mausbach und Gressenich hat zweifelsfrei etwas mit den hier lagernden Galmeivorkommen zu tun gehabt, jedoch spielten die Kalksteinzüge, die sich als weiträumige, streifenförmige Zonen in einer von Südwest nach Nordost verlaufenden Generalrichtung erstrecken, ebenfalls eine entscheidende Rolle.

Diese Kalkzonen wiesen trockene Böden auf und bildeten in der damaligen Urwaldlandschaft leicht begehbare Schneisen, woran sich der Verlauf der frühgeschichtlichen Reise- und Handelswege orientierte. Die hier eingelagerten Erzmittel ließen sich also nicht nur relativ leicht abbauen, sie lagen überdies auch noch im Bereich einer seit alters her vorhandenen, auf Grund der Bodenverhälnisse entstandenen Infrastruktur und waren somit direkt zugänglich und erreichbar.

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Skizze: F. Holtz

Unter Verwendung der verkehrstechnisch günstig gelegenen Galmeivorkommen betrieben die Römer bereits vor fast 2000 Jahren eine bedeutende Messingindustrie in unserer Region. Auf der gleichen Erzbasis und unter Zuhilfenahme fast identischer Technologien bauten die Kupfermeister dann später ihr europaweites Messingmonopol auf. Und schlussendlich wurden die Gruben im 19. Jahrhundert (hauptsächlich zur Tiefe hin) ausgebaut und die Förderung in großtechnischem, industriellem Maßstab betrieben, wobei die Erze nunmehr der Herstellung von Blei und Zink dienten.

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Erzgrube Breinigerberg
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Zinkhütte Birkengang
Lithographien von Adrien Chanelle

Trockene Böden, hatten wir gesagt, waren im Bereich der Kalksteinzüge vorherrschend, geradezu charakteristisch, weil das Niederschlagwasser sofort in den Untergrund abfließen konnte, wobei die Kalksteinunterlage wie eine Dränage wirkte. Die gute Wasserdurchlässigkeit des Untergrundes erklärt sich aus der Vielzahl von Kluft- und Spalträumen, die innerhalb der Kalksteinformationen mit entsprechender Häufigkeit und Größe auftreten.


 

Fast schicksalhaft miteinander verknüpft

Auf Grund der bereits angesprochenen, bei der Entstehung der Erze wirksam gewesenen Bildungsmechanismen bestand zwischen den mit trockenen Böden überdeckten Kalksteinzügen und den Erzmitteln eine enge Bindung, so dass die geographische Lage der Erzvorkommen mit der Verkehrsstruktur übereinstimmte, die sich zu vor- und frühgeschichtlicher Zeit entwickelt hatte. Dieser für die Frühzeit als Vorteil zu bewertende Umstand verkehrte sich ins genaue Gegenteil, wurde sozusagen zum Fluch, als die Gruben größere Tiefen erreichten.

Das Gebirge nämlich, aus dem man die Erze herausholen musste, stand voller Wasser, wodurch der Abbautiefe eine natürliche, zunächst unüberwindliche Grenze gesetzt wurde. Diese war schon zur Zeit der Kupfermeister deutlich spürbar geworden, als man sich zwangsläufigerweise mit Abbautiefen von höchstens 40 - 45 Metern zufrieden gab.

Bei dem im 19. Jahrhundert einsetzenden Tiefenausbau der Gruben musste man sich also etwas einfallen lassen, waren beträchtliche Investitionsmittel erforderlich, um der hereinbrechenden Wassermassen Herr zu werden. Zunächst wurden, von der Talsenke des Vichtbaches ausgehend, Wasserhaltungsstollen vorgetrieben, so dass die oberhalb des Talsohlen-Niveaus anfallenden Grubenwässer abfließen konnten. Das eigentliche Problem aber bestand darin, die zufließenden Grubenwässer aus den tiefer liegenden Bauen abzupumpen. Die hierzu erforderliche Antriebsenergie konnte letztlich nur durch den Einsatz von Dampfmaschinen bereitgestellt werden, die damals allerdings schon in zunehmend ausgereiften und betriebssicheren Konstruktionen zur Verfügung standen. Im Pumpenhaus des Hauptschachtes Diepenlinchen waren beispielsweise zwei Dampfmaschinen mit einer Gesamtleistung von 3 200 PS installiert.


 

Schließung der Grube Diepenlinchen

Das Problem der im Kalkgebirge verstärkt auftretenden Grubenwässer ließ sich einerseits also durchaus lösen und ist ja auch über viele Jahrzehnte hier in Stolberg und insbesondere in der Grube Diepenlinchen technisch beherrscht worden. Andererseits jedoch musste der mit zunehmendem Tiefenausbau ebenfalls zunehmende Aufwand zur Wasserlösung die Wirtschaftlichkeit des Grubenbetriebes beeinflussen. Und wenn man sich vorstellt, dass die Gewichtsmenge der zum Betrieb der Wasserhaltung erforderlichen Kohle die Erzfördermenge zeitweise beträchtlich überstieg, wird eigentlich klar, dass es irgendwann nicht weitergehen konnte, dass man angesichts der im Berg auftretenden Wassermassen aufgeben und die Grube schließen musste, obschon die Erzmittel längst noch nicht erschöpft waren.

Diepenlinchen, Wasserhaltung
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Dampfmaschinen,
Archiv W. Hamacher
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Skizze: F. Holtz

Der Zeitpunkt der Grubenschließung fiel ziemlich genau mit dem Ende des ersten Weltkrieges zusammen, und das keineswegs zufälligerweise. Im letzten und größten Erzbergwerk Stolbergs, der Grube Diepenlinchen hatte man mittlerweile eine Tiefe von fast 400 Metern erreicht und auf Grund der gegen Kriegsende knapper werdenden Steinkohle und dem zwangsläufigerweise eingeschränkten Wasserhaltungsbetrieb, begannen die tiefer liegenden Baue abzusaufen. Durch den Mangel an Arbeitskräften (viele Bergleute waren zum Kriegsdienst herangezogen worden) hatte man außerdem während der Kriegsjahre die bereits aufgefahrenen Erzmittel abbauen müssen, ohne neue Lager erschließen und für den Abbau vorbereiten zu können.

Die Grube war also unrentabel geworden, weil die Schwierigkeiten mit der Wasserhaltung eigentlich nur noch größer hätten werden können, wenn eine Entscheidung zum weiteren Betrieb mit dem damit verbundenen Abbau tiefer liegender Erzmittel getroffen worden wäre. Die Aufgabe der Grube Diepenlinchen war für die Unternehmensleitung wohl auch deshalb naheliegend, weil man (insbesondere im Rhein- Lahngebiet) mittlerweile über Gruben verfügte, die hinsichtlich ihrer Abbaubedingungen sehr viel weniger kritisch waren.


  

Ein Streik und die Folgen

In dieser Situation kam es im März 1919 in der Mausbacher Grube zu einem Streik der Bergleute. Sie fanden in der schweren Nachkriegszeit für sich und für ihre Familien ein nur notdürftiges Auskommen. Der Streik wurde von der Unternehmensleitung zum Anlaß genommen, den Betrieb einzustellen. Obschon der Leiter der Grubenverwaltung verlauten ließ, die Bergleute erwiesen dem Unternehmen mit dem Streik einen Gefallen und lieferten eine willkommene Handhabe, die Grube aufzugeben, gelang es der Firmenleitung, die Situation völlig anders darzustellen. Der Streik nämlich, so wurde aus naheliegenden Gründen behauptet, sei der eigentliche Grund für die Grubenschließung gewesen.

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Streikende Bergleute der Grube Diepenlinchen,
Quelle: Ortsarchiv Mausbach

Es ist heute kaum noch vorstellbar, aber diese Strategie einer gänzlich irreführenden, nur den Unternehmensinteressen dienenden Begründung hatte einen so guten und durchschlagenden Erfolg, daß die Schließung der Grube Diepenlinchen (auch in der Literatur) immer wieder mit dem Streik in Verbindung gebracht wird. Man kann heute eigentlich nur darüber spekulieren, was es wohl bedeutet hat, in der bitteren Nachkriegszeit den Arbeitsplatz zu verlieren, um dann auch noch gesagt zu bekommen, man sei ja schließlich selbst schuld gewesen. Ebenso gut und ebenso spekulativ ließe sich natürlich auch fragen, ob derartig sarkastische Argumentationsweisen, die den Einzelnen ganz gehörig vor den Kopf stoßen mußten, sich wirklich und ausschließlich auf frühkapitalistische Zeiten begrenzen lassen.

Erheblich weniger spekulativ könnte der Versuch enden, die Bedeutung der Grubenschließung für die betroffene Region aufzuzeigen und sich an Hand gesicherter Fakten zu überlegen, wie hart und bitter die Konsequenzen gewesen sein müssen.


  

Die Entwicklung der Grube

Die Mausbacher Erzgrube Diepenlinchen befand sich seit den frühen 30er Jahren des 19. Jahrhunderts mit fast stetig steigenden Fördermengen in bester Entwicklung. Während die Zinkerzförderung 1910 den absoluten Höhepunkt erreichte, war die Belegschaftsstärke seit 1892 bereits rückläufig. Man hatte also einen steilen Anstieg der Produktivität mit steigenden Fördermengen und gleichzeitigem Arbeitsplatzabbau zu verzeichnen.

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Skizze: F. Holtz

Trotzdem kann man davon ausgehen, dass die Sozialstrukturen, die sich aus den Bergbautätigkeiten zwangsweise ergeben hatten, um die Jahrhundertwende ziemlich stabil gewesen sein müssen. Einerseits nämlich wurde die Erzförderung bereits seit über 60 Jahren in industriellem Maßstab betrieben, während andererseits der recht moderate Abbau der Beschäftigungszahlen kaum Einfluss auf die Sozialstruktur vermuten lässt.


  

Erst knapp 100 Jahre her und schon vergessen

Zur Zeit der Jahrhundertwende lagen in Mausbach also Lebensverhältnisse vor, die von der Großgrube Diepenlinchen stark beeinflusst waren, die eine gewisse Stabilität erreicht hatten, die sich entsprechend der Bedürfnisse des Grubenbetriebes entwickelt hatten und deren existentielle Grundlage knapp zwei Jahrzehnte später völlig verloren gehen sollte.

Etwa 100 Jahre sind seit der Aufgabe der Mausbacher Grube vergangen, und die umliegenden Ortschaften wie Werth, Gressenich und Mausbach werden oft als dörflich geprägte Ansiedlungen angesehen. Dieses Image verstellt uns heute den Blick und lässt uns nicht mehr intuitiv spüren, wie ernst die Lage nach dem Verlust der Großgrube gewesen ist. In Wirklichkeit nämlich waren diese Orte nicht dörflich-bäuerliche Lebensgemeinschaften, sondern waren stark vom Bergbau geprägt. Sie wiesen einen entsprechend hohen Anteil von Bergleuten, Erzwäschern, Grubenhandwerkern usw. auf. 

<<< Siehe auch hier >>>


  

Ausgeprägte Bergbauregion

In Werth beispielsweise bezogen 75% aller Haushalte mit beruflicher Erwerbstätigkeit ihren Lebensunterhalt direkt aus dem Bergbau. Für Mausbach (einschließlich Krewinkel) lag die entsprechende Zahl weit über 50% und für Gressenich bei gut 40%.

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Skizze: F. Holtz

Wirft man alle Zahlen in einen Topf, so ergibt sich ein Strukturbild, das, trotz einiger Unterschiede in den einzelnen Orten, repräsentativ sein dürfte für die ehemalige Bergbauregion im Süden Stolbergs. Hiernach waren 53% aller im unmittelbaren Umfeld gelegenen, erwerbstätigen Haushalte direkt vom Bergbau abhängig. Das unmittelbare Umfeld ist hier in dem Sinne zu verstehen, als dass sich die angegebenen 53% als Mittelwert der Orte ergibt, die sich in direkter Nachbarschaft zu der Grube Diepenlinchen befanden.

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Skizze: F. Holtz

Dieser Anteil von 53% ist zwar zweifelsfrei nachweisbar, aber aus zwei Gründen eher untertrieben. Der erste Grund besteht darin, daß es sicherlich auch Familien gegeben hat, die indirekt von der Wirtschaftskraft des Bergbaus abhängig waren, man denke nur an Händler, Wirte und freiberufliche Handwerker oder Fuhrleute, die für die gut florierende Grube Arbeiten erledigten. Zur Klärung des zweiten Grundes müsste man allerdings etwas weiter ausholen und einige andere Fakten mit ins Kalkül ziehen.


  

Pendler zur Zeit der Jahrhundertwende

Betrachtet man nun die Erwerbsstruktur in nur geringfügig weiter entfernten Orten, so sinkt der Anteil der vom Bergbau abhängigen Haushalte ganz drastisch ab. In Vicht betrug dieser Anteil nur noch 17 und in Schevenhütte bei 15%.

Es ist völlig klar, dass mit wachsender Wohnortentfernung zunehmend und überproportional weniger Arbeitskräfte angesprochen und angezogen werden konnten. Allerdings muss aus heutiger Sicht zunächst überraschen, dass dieser Trend so deutlich und ausgeprägt zum Ausdruck kommt. Die Grenzen der damals üblichen Berufspendelei müssen also schon bei relativ kurzen Entfernungen erreicht gewesen sein, was bei den damaligen Verkehrsstrukturen und den langen Tagesarbeitszeiten andererseits auch wieder verständlich wird.

Nun ist es aber so gewesen, daß die Grube Diepenlinchen um 1900 eine Belegschaftsstärke von gut 620 Mitarbeitern aufwies. In den bisher betrachteten Orten Mausbach, Krewinkel, Gressenich, Werth, Schevenhütte und Vicht sind aber insgesamt nur 329 Haushalte ausgewiesen, deren Haupterwerbsquellen sich durch die angegebenen Berufe Bergmann, Erzwäscher oder ähnliches dem Grubenbetrieb zuordnen lassen. Hieraus ergibt sich eine Differenz von 290 Arbeitskräften, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Wie wir aber bereits wissen, rekrutierte sich die Grubenbelegschaft zum weitaus überwiegenden Anteil aus dem unmittelbaren Umfeld des Bergwerkes und Berufspendler kamen nur aus einem ganz eng begrenzten Umkreis.

Zu diesem Umkreis wird sicherlich auch noch der Ort Breinigerberg gehört haben, wo es der dortigen Grube und ihrer Belegschaft knapp 50 Jahre früher ganz ähnlich ergangen war, wie jetzt der Grube Diepenlinchen. Mit Sicherheit ist davon auszugehen, dass einige der damals arbeitslos gewordenen Bergleute in Mausbach Arbeit und Brot gefunden haben, und dass aus diesen Familien wiederum Bergleute heranwuchsen, die nach wie vor als Dauerpendler in Mausbach tätig waren.

Breinigerberg
Erzgrube Breinigerberg,
Lithographie von Adrien Chanelle.

Der Fehlbestand von 290 Arbeitskräften kann aus dem Bereich Breinigerberg nur zu einem geringen Teil abgedeckt worden sein und weitere Einzugsgebiete kommen eigentlich aus Entfernungsgründen auch kaum infrage.

In Mausbach müssen also wesentlich mehr Familien von der Grubenschließung betroffen gewesen sein, als die in unserer Statistik ausgewiesenen 53%. Und dies sind nun Familien gewesen, deren Haupternährer zwar nicht, dafür aber Söhne und Töchter (letztere möglicherweise als Klaubemädchen) im Bergbau tätig waren und zum Lebensunterhalt entscheidend beitrugen. Ganz schlimm muß es für Familien gewesen sein, die mehrfach betroffen waren, wo, neben dem Haupternährer, auch die zweite Generation im Bergbau arbeitete und die Abhängigkeit entsprechend groß gewesen ist. Diese Haushalte müssen sich nach Aufgabe der Grube in einer geradezu ausweglosen Situation befunden haben. Ausweglos wohl auch deshalb, weil es kurz nach dem ersten Weltkrieg mit der Wirtschaft auch anderswo nur mühsam und langsam wieder aufwärts ging.


  

Überwunden und fast vergessen

Auch wenn die Schwierigkeiten heute längst überwunden und vergessen sind, hat es im März 1919 mit der Grubenschließung einen rabenschwarzen Tag für die Region Mausbach - Gressenich gegeben. Und die damals entstandene unsinnige Streiklegende dürfte kaum dazu beigetragen haben, sich mit den entstandenen Problemen abzufinden. Es wäre im Gegenteil sicherlich viel hilfreicher gewesen, die Grubenschließung als das hinzustellen, was sie war; nämlich eine als Konsequenz der vorgegebenen geologischen Lagerstättenverhältnisse.

Und was, so sollte man vielleicht abschließend fragen, ist heute übrig geblieben von der ehemaligen Großgrube Diepenlinchen? Eigentlich nur der kaminartige Aufbau des 'Froschschachtes' im heutigen Industriegebiet Mausbach. Dem Vernehmen nach soll er sogar unter Denkmalschutz gestellt worden sein, und eingezäunt hat man ihn mittlerweile auch.

Froschschacht und Bewetterung
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Foto: F. Holtz
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Skizze: F. Holtz

Wind und Wetter jedoch zeigen sich wenig beeindruckt von beiden Maßnahmen und nagen unbeirrt weiter an diesem Zeitzeugen der Frühindustrialisierung, dem letzten Relikt der bekanntesten und größten Erzgrube unseres Raumes. Man darf gespannt sein, ob man ihn wenigstens vermissen wird, ob man überhaupt bemerkt, wenn er eines Tages gänzlich von der Bildfläche verschwindet.

  

 

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Strukturwandel, Strukturschwäche, Strukturkrise, alles Begriffe, mit denen wir uns heute allenthalben auseinanderzusetzen haben. Aber auch früher schon hatte man hier bei uns mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen, waren die Menschen von Entwicklungen betroffen, auf die sie keinen Einfluss hatten, die aber dennoch ihre Existenzgrundlage bedrohten und vernichteten...