Alphabet der Heimatkunde

Bild

Startseite


Inhaltsver-
zeichnis:

Wandel in Kultur und Technik

Aufbruch in eine neue Zeit

Entwicklung in der darstellenden Kunst

Neuer Denkansatz in der Wissenschaft

Renaissance und Technikentwicklung

Spuren aus vorindustrieller Zeit

Übergang zur Industrialisierung

Industrielle Revolution

Dampfkraft und Dampfmaschinen

Einsatz von
Kohle im Hochofenprozess

Großchemie und Produktdiversifikation

Literatur und Quellen

 

 

 

 

 

Startseite Graphiken Kaleidoskop Touristisches

Alphabet der
Heimatkunde

Kultur und Technik im Umbruch.

Spurensuche in
der Kupferstadt

Friedrich Holtz

In der wirtschaftshistorischen Entwicklung des Stolberger Raumes lassen sich in hohem Maße lokalspezifische Eigenarten und Besonderheiten erkennen, die sich hauptsächlich aus den naturgegebenen Standortfaktoren erklären. Insbesondere die Kupfermeister haben vom 16. bis 18. Jahrhundert mit ihrem äußerst erfolgreichen Messinggewerbe das Wirtschaftsleben des hiesigen Raumes bestimmt. Auch die beginnende Industrialisierung nutze z.T. noch die gleichen Ressourcen. Dies waren vor allem Erz- und Steinkohlelagerstätten, die nunmehr mit neuen Methoden sehr viel effektiver abgebaut werden konnten.

Zeitzeugen aus fast 450 Jahren Wirtschafts- und Industriegeschichte sind als Baudenkmale unterschiedlichster Art erhalten und bestimmen in ihrer Vielfalt den unverwechselbaren Charakter unserer Kupferstadt. Hierzu gehören in erster Linie die Kupferhöfe und Reitwerke, die in den Tälern von Vicht, Inde und Wehe in weitläufiger Verteilung angelegt wurden.


Kupferhof Rosental, Foto: Axel Pfaff

Industriearchitektur aus dem 19. Jahrhundert lässt den Einfluss der beginnenden Industrialisierung erkennen, die, von Westen sich ausbreitend, im Raum Aachen, Stolberg, Eschweiler deutsches Gebiet erreichte und hier entscheidend mit gestaltet worden ist. Herausragendes Anschauungsbeispiel für diese Epoche ist der Zinkhütter Hof. Das historisch authentische Bauensemble aus den 1830er Jahren und der museal aufbereitete Ausstellungsbestand stimmen den Besucher auf eine Zeitreise ein, die zurückführt zur Frühindustrialisierung des frühen 19. Jahrhunderts und darüber hinaus zur vorindustriellen Epoche der Kupfermeister.


Museum Zinkhütter Hof
Foto: F. Holtz
Die in hohem Maße lokalspezifisch geprägte Wirtschaftstruktur des Stolberger Raumes war, wie könnte es auch anders sein, eingebettet und beeinflusst von allgemeinen Entwicklungstendenzen, die sich übergreifend für den gesamten abendländischen Kulturkreis ergaben. Gerade in unserer Region sind Aspekte der vor- und frühindustriellen Entwicklung nahezu modellhaft erkennbar und lassen sich in vielen Fällen mühelos den Zeitströmungen zuordnen, die in der allgemeinen Kultur- und Technikgeschichte zu beobachten sind.


 

Wandel in Kultur und Technik

Der Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit war gekennzeichnet durch einen grundlegenden Wandel in nahezu allen Kulturbereichen. Hierbei ist der Kulturbegriff in seinem allumfassenden Sinn zu verstehen, der neben Kunst, Religion, Geisteswissenschaft etc. auch die auf praktischen Nutzen abzielenden Kultursysteme wie Wirtschaft, Naturwissenschaft und Technik ausdrücklich mit einbezieht. Eine ebenfalls allumfassende Geistesbewegung führte zu völlig neuen Ideen, Vorstellungen, Auffassungen und letztlich zu einem neuen, modernen Weltbild, dessen Grundideen man später mit den Begriffen Renaissance, Aufklärung und Humanismus belegte.

Die jüngere Neuzeit wird häufig als "Neuere Zeit" bezeichnet, wobei als Schnitt- bzw. Übergangspunkt die Industrielle Revolution angenommen wird. Dies kann damit begründet werden, dass die Industrialisierung alle Lebensbereiche in hohem Maße beeinflusste und zu drastischen sozialen bzw. gesellschaftlichen Umwälzungen führte.

Andererseits benötigte der Übergang zur Industrialisierung keine grundsätzliche Änderung in der allgemeinen Geisteshaltung, sondern kann als Fortsetzung einer Entwicklung gesehen werden, deren Grundlagen bereits in der Renaissance gelegt wurden. Auch wenn frühkapitalistische Auswüchse mit den Ideen und Vorstellungen der Renaissance und des Humanismus kaum vereinbar waren, ist diese Auffassung durchaus vertretbar.


 

Aufbruch in eine neue Zeit

Im Mittelalter ist die Kirche mit ihren zahlreichen Klöstern über viele Jahrhunderte übermächtiger, nahezu alleiniger Träger, Bewahrer und Förderer von Kultur und Wissenschaften gewesen. Bei der Auseinandersetzung mit und der Beeinflussung von kulturellen Strömungen sowie bei der Fortentwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis erstrebten die kirchlichen Institutionen durchaus universalen Anspruch und beschränkten sich keineswegs auf theologisch- philosophische Aspekte.


Kloster Wenau im Wehebachtal. Foto: F. Holtz

Das Selbstverständnis dieser kirchlichen Kulturträger musste jedoch beinahe zwangsläufig zu einer Entweltlichung, zu einer Überbetonung des "Jenseitigen" führen. Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn konnte nur akzeptiert werden, wenn er mit dem absoluten Wahrheitsanspruch und mit der streng scholastischen, buchstabengetreuen Auslegung der Heiligen Schrift in Einklang stand.

Entwicklung in der darstellenden Kunst
Eine Hinwendung zum "Diesseits" fand zunächst Ausdruck in der bildenden Kunst. Im Italien des beginnenden 15. Jh. entstand die Auffassung, ein Kunstwerk solle ein möglichst realistisches Abbild einer perfekten (idealisierten) Wirklichkeit sein. Vorbild waren hierbei die Werke der klassischen Antike mit ihrem Formenreichtum und die aus ihnen sprechende menschliche Haltung.

Als Wegbereiter dieser sich anbahnenden, neuen Stilepoche gilt der italienische Maler Giotto di Bondone, der von 1334 bis zu seinem Tod 1337 in Florenz als Dombaumeister tätig war. Giotto brach mit der langen Tradition des flächig, meist goldfarben angelegten Bildhintergrundes, der sich aus den ikonographischen Normen der byzantinischen Malerei ergeben hatte. Durch Dekoration des Bildhintergrundes mit parallelperspektivisch dargestellten Landschafts- und Architekturelementen erreichte er in seinen Werken eine bisher kaum bekannte Raumwirkung und bereitete somit den Weg zur charakteristischen Malerei der Renaissance.

Das Streben der bildenden Kunst nach wirklichkeitsnahen Darstellungsformen führte um 1420 zur Entwicklung der Zentralperspektive durch den Florentinischen Architekten und Baumeister Fillipo Brunelleschi. Ein weiterer Künstler, nämlich Tommaso Cassai, genannt Masaccio, übernahm das Konstruktionsprinzip der Zentralperspektive und brachte es erstmals zur Anwendung. Mit seinem 1426/27 geschaffenen Fresko der Dreifaltigkeit in der Florentinischen Kirche Santa Maria Novella gelang ihm ein Werk, das durch seine Raumtiefe und durch die lebensnahe Darstellungsweise der Figuren die Malerei der Renaissance begründete. Die in dieser Darstellung durch konsequente Anwendung der Zentralperspektive erzielte Raumillusion war so neu und verblüffend, dass die zeitgenössischen Betrachter sich wunderten, wieso man in dieses Bild nicht hineingehen konnte.

Die kunstgeschichtliche Bedeutung dieses Werkes besteht neben der erstmaligen Anwendung der Zentralperspektive auch in der zur damaligen Zeit als revolutionär empfundenen Lebensechtheit der dargestellten Personen. Während in der Malerei der Gotik die Gewandung als Stilmittel zur Entkörperlichung und Vergeistigung der abgebildeten Menschen eingesetzt worden war, entstand jetzt ein neues, aus der klassischen Antike abgeleitetes Bewusstsein für die Natürlichkeit und Ästhetik des menschlichen Körpers. Auch bei der künstlerischen Wiedergabe bekleideter Menschen setzte sich eine natürliche, anatomisch korrekte Gestaltungsweise als kennzeichnendes Stilelement durch.

Die als Renaissance (Wiedergeburt) bezeichnete Stilrichtung fand im weiteren Verlauf des 15. Jahrhunderts europaweite Verbreitung und beeinflusste nicht nur die darstellenden Künste, sondern wurde zum beherrschenden Faktor der Kultur-, Geistes- und Menschheitsgeschichte. Das so entstandene, neue Weltbild wurde häufig als (Wieder-) Entdeckung der Welt und des Menschen beschrieben, wobei hiermit insbesondere die Erkenntnis einer immanenten Naturgesetzlichkeit und die Bewusstwerdung der menschlichen Persönlichkeit gemeint ist.

Nicht nur die lebensnahe Darstellung menschlicher Figuren und die Anwendung unterschiedlicher Techniken der Zentralperspektive, sondern auch der Versuch einer Erklärung und Begründung der geometrischen Konstruktionsprinzipien waren Ausdruck einer sich wandelnden Zeit. In der 1435 von dem Italienischen Architekten und Maler Leon Baptista Alberti veröffentlichten Publikation "De Pictura" (Über das Malen) findet sich eine allgemeine Beschreibung unterschiedlicher Techniken, die in bildlichen Darstellungen den Eindruck plastischer, dreidimensionaler Tiefe entstehen lassen. Insbesondere die geometrischen Formalismen der Konstruktionsmethoden stimmten durchaus mit der Idee einer generellen Naturgesetzlichkeit überein. Alberti versuchte auch, geometrische Konstruktionsmethoden zu finden, mit deren Hilfe sich die "Naturgesetzlichkeit" des menschlichen Körperbaus und seiner Proportionen ableiten ließen.

Aus ähnlicher Intention erstellte Leonardo da Vinci eine Skizze, die sich mit den Proportionen des menschlichen Körpers befasst und später unter dem Namen "Vitruvianischer Mensch" weltbekannt wurde. Diese etwas seltsame Bezeichnung bezieht sich auf den Architekten Marcus Vitruvius Pollio, der zur Zeit des antiken Roms in seiner Theorie des wohlgeformten Menschen bereits das ideale Verhältnis der Körperteile zueinander darlegte.

Die zur Erzielung von Wirklichkeitsnähe in der darstellenden Kunst erforderlichen bzw. hilfreichen Konstruktionsschemata entwickelten sich aus sorgfältiger Naturbeobachtung in Verbindung mit methodenbildender Generalisierung. Dieses in der bildenden Kunst der Renaissance höchst evidente Grundprinzip bestimmte in zunehmendem Maße das gesamte Weltbild der damaligen und auch der heutigen Zeit.

Neuer Denkansatz in der Wissenschaft
In den Wissenschaften wurde die bisher übliche theoretisch philosophische Betrachtungsweise abgelöst durch Beobachtung und Experiment und den sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen. Auch hierin lässt sich eine Renaissance, eine Wiedergeburt antiker Sichtweisen und Methodik erkennen. Viele Erkenntnisse der antiken Welt, wie beispielsweise der von Archimedes als naturgesetzliches Theorem beschriebene Auftrieb von in Wasser befindlichen Gegenständen, beruhten ganz offenkundig auf Naturbeobachtung.

Dieser eigentlich uralte, im Mittelalter verloren gegangene und jetzt wiederbelebte Denkansatz führte zu einer Vielzahl von grundlegend neuen, teilweise revolutionären Erkenntnissen. An erster Stelle wäre das von Nikolaus Kopernikus um 1500 durch astronomische Beobachtung abgeleitete heliozentrische Weltbild, welches nicht die Erde, sondern die Sonne als Mittelpunkt des Universums definierte. Sein um 1507 vollendetes Werk "De revolutionibus orbium coelestium" wurde kurz vor seinem Tod 1543 veröffentlicht. Die Vorstellung eines nicht-geozentrischen Weltensystems erschütterte die Grundfesten der damaligen Zeit, da sie den Wahrheitsanspruch der Heiligen Schrift in Frage zu stellen schien. Der hieraus sich ergebende Konflikt zwischen neuer Wissenschaft und traditioneller Theologie wurde insbesondere seitens der Kirche über lange Jahrzehnte mit geradezu fundamentalistischem Fanatismus ausgetragen.

Neben den "großen" Entdeckungen brachte diese Zeit aber auch Erkenntnisse und Erfindungen von höchst praktischem Wert hervor. Die kühnen Entwürfe des genialen Künstlers und begnadeten Ingenieurs Leonardo da Vinci blieben zwar oft visionär, deuteten aber bereits den Einzug moderner technischer Einrichtungen in die Alltagswelt an. Eine Vielzahl europäischer Autoren publizierten in rascher Folge Abhandlungen mit realem, praktischem Hintergrund.

Der Arzt und Philosoph Theophrastus Paracelsus (1493-1541) erkannte beispielsweise die Bedeutung physikalischer und chemischer Zusammenhänge als Grundlage alles Lebendigen und betrachtete in seiner neu postulierten Heilkunde die Förderung der Selbsthilfe der Natur als ärztliche Hauptaufgabe. Auch vorhandenes empirisches Wissen, das schlussendlich ebenfalls auf Beobachtung und Erfahrung beruht, wurde Gegenstand des allgemeinen Interesses.


Georg Agicola, in Agricola, G. (1556): De re metallica libri XII
So bemühte sich der sächsische Humanist und Arzt Georg Agricola (1494-1555), das umfangreiche Wissen der Bergleute den allgemeinen Naturwissenschaften zugänglich zu machen. Mit seinem berühmt gewordenen Hauptwerk "De re metallica libri XII (Vom Bergwerk zwölf Bücher)" schuf er eine detaillierte, reich illustrierte Beschreibung des zeitgenössischen Berg- und Hüttenwesens und gleichzeitig das wohl bedeutendste Sachbuch der frühen Neuzeit. Die Erstellung dieses Werkes durch einen ausgewiesenen Humanisten und die Rezeption der 1556 erschienenen Erst- sowie späterer Folgeausgaben zeigen die Selbstverständlichkeit, mit der man zur Zeit der Hochrenaissance auch technisches Wissen als Teil des Kulturgutes akzeptierte. Erst "humanistisch" geprägte Bildungsschichten einer späteren Zeit kokettierten mit totalem Unverständnis naturwissenschaftlicher und insbesondere praktisch-technischer Zusammenhänge.

Renaissance und Technikentwicklung
Die in der Frührenaissance entwickelten pragmatischen Denkansätze sowie die allgemeine Aufgeschlossenheit gegenüber technischer Neuerungen führten dazu, dass man technische Schwierigkeiten, die teilweise schon seit längerem bestanden, erstens als solche erkannte und man sich zweitens um deren Überwindung systematisch zu kümmern begann.

Obschon die Entwürfe eines Leonardo da Vinci bezüglich der technischen bzw. praktischen Ausführung teilweise visionär blieben, waren sie letztlich Ausdruck eines neuen naturwissenschaftlichen Denkens. Diese Denkweise war geprägt von der Erkenntnis, dass die Natur - sieht man vom freien Willen des Menschen ab - determiniert ist und allgemeinen Gesetzen unterliegen müsse. Somit mussten Naturphänomene nicht nur erklärbar und vorhersehbar sein, sondern bei entsprechenden apparativen Einrichtungen zum Nutzen der Menschen einsetzbar sein.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass man im Berg- und Hüttenwesen mechanisch- technische Einrichtungen wie Wasserräder, Pumpen etc. als "Künste" bezeichnete. Dies deutet darauf hin, dass man zwischen Kunst und künstlich, also zwischen den "Schönen Künsten" und der praktischen Kunst sehr viel weniger differenzierte als heute. Diese Auffassung spiegelt sich im Werk des Leonardo da Vinci nahezu idealtypisch wider.

Die damals in enger Wechselbeziehung zueinander stehenden Kulturbegriffe Kunst, Naturwissenschaft und Technik verschmolzen in der Person des Leonardo da Vinci zu allumfassender Genialität. Seine anatomischen Studien, die auf das (damals verbotene) Sezieren von Leichen basierten, dienten nicht nur dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, sondern zugleich der wirklichkeitsnahen Darstellung des menschlichen Körpers in der bildenden Kunst.


Kehrrad, in Agricola, G. (1556): De re metallica libri XII
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Zeit der Renaissance sowohl von der Bildung eines neuen Weltbildes als auch von einer Umgestaltung der Produktionsverhältnisse bzw. der betrieblichen Strukturen geprägt war. Natürliche Ressourcen jedweder Art sowie Mechanisierungspotenziale wurden in einem bisher kaum bekannten Maße zu Produktionszwecken in Anspruch genommen. Die intensive Nutzung der Wasserkraft (beispielsweise im Berg- und Hüttenwesen) war durchaus vergleichbar mit dem revolutionären Einfluss der Dampfmaschine, die etwa 250 Jahre später das Industriezeitalter einleitete. Besonders spektakuläre Beispiele für die Nutzung der Wasserkraft waren die vorwiegend im Bergbau eingesetzten, gewaltigen Kehrräder (Umkehrung der Drehrichtung).

Während der mittelalterliche Handwerker seine Produkte noch in Einzelfertigung herstellte, setzten sich nun arbeitsteilige Fertigungsmethoden durch. Komplizierte Arbeitsabläufe wurden in einzelne Arbeitsgänge zerlegt, die von spezialisierten, teilweise nur angelernten Arbeitskräften ausgeführt werden konnten. Die arbeitsteiligen Fertigungsmethoden führten zu beträchtlichem Produktivitätszuwachs und zu Betriebsformen, deren Größe den Einsatz kapitalintensiver Einrichtungen wirtschaftlich vertretbar bzw. lukrativ machte.

Durch die konsequente Anwendung arbeitsteiliger und (teil-) mechanisierter Fertigungsprinzipien entwickelten sich höchst produktive Manufakturen und Verlagssysteme. Während im Falle der Manufaktur die einzelnen Arbeitsschritte innerhalb einer einzigen Betriebsstätte zur Ausführung kamen, wurden bei Verlagssystemen die einzelnen Arbeitsschritte in Auftrag des Verlegers in Heimarbeit durchgeführt. Hierzu stellte der Verleger Rohstoffe bzw. Halbfertigprodukte zur Verfügung und nahm später auch die (teil-) gefertigten Produkte ab.

Die sozialen Auswirkungen, die sich durch die Einführung moderner Fertigungsmethoden und insbesondere während der Zeit der Frühindustrialisierung ergaben, verstellen uns heute den Blick dafür, dass diese Entwicklung mit einem weiteren, tiefgreifenden Einschnitt verbunden war, der die Lebensumstände dauerhaft beeinflussen sollte.


Uhr als Taktgeber des
modernen Lebens.
Foto: F. Holtz
Über Jahrtausende hatte der Lebensrhythmus im Einklang mit dem natürlichen Tagesablauf gestanden, der durch die jeweiligen Wetterbedingungen und durch den Ablauf der Jahreszeiten bestimmt wurde. Bei der Planung und Durchführung der aktuell anstehenden Tagesaktivitäten ergaben sich Reihenfolge und Prioritäten schlicht und einfach durch einen Blick zum Himmel.

Sowohl arbeitsteilige Produktionsverfahren als auch Maschinen und Anlagen, die von mehreren Arbeitskräften gleichzeitig bedient werden mussten, setzten nunmehr gleiche Arbeitszeiten für ganze Gruppen bzw. für ganze Belegschaften zwingend voraus. Der Blick zum Himmel wurde also abgelöst durch den Blick zur Uhr, die in zunehmendem Maße den Tagesablauf bestimmte. Der Sachzwang strikt geregelter allgemeiner Arbeitszeiten wurde subjektiv auch als lästige Disziplinierungsmaßnahme empfunden.

Mit der Weiterentwicklung eines nach festen, minutengenauen Fahrplänen betriebenen Verkehrswesens setzte die Uhr sich als Taktgeber nicht nur in Arbeiterkreisen, sondern ganz allgemein durch. Der Blick zur Uhr bestimmt auch heute noch unseren Lebensrhythmus und erst die Einführung der Gleitzeit erlaubt in jüngerer Zeit für einen begrenzten Teil der Bevölkerung wieder einen in bescheidenem Maße individuell gestalteten Tagesablauf.


 

Spuren aus vorindustrieller Zeit


Handgeschmiedete Nägel,
erkennbar am viereckigen, mehr oder weniger quadratischen Querschnitt der Schäfte. Foto: F. Holtz
Im Stolberger Raum weisen die ehemaligen Kupferhöfe (Messingproduktion) und die Reitwerke (Eisenhüttengewerbe) Merkmale einer arbeitsteiligen Betriebsform auf. Insbesondere bei den Reitwerken lassen sich deutliche Komponenten des Verlagswesens erkennen. Das in den Reitwerken hergestellte und mittels Schneidmühlen in Streifen geschnittene Eisen wurde zum Schmieden von Nägeln in zum Teil nebengewerblich betriebener Heimarbeit vergeben. Der Vertrieb der fertig geschmiedeten Nägel oblag dann wiederum dem Reitmeister.

Der durch Renaissance und Aufklärung geprägte allgemeine Zeitgeist mit dem Trend zur Nutzung von Mechanisierungspotenzialen jedweder Art sowie der Anwendung neuer Fertigungsmethoden in Verbindung mit dem verstärkten Einsatz der Wasserkraft drückt sich in hohem Maße auch in der Geschichte des hiesigen Messinggewerbes aus.


Kerzenleuchter, getriebenes Messingblech aus Dinant, in der
alten Abteikirche Kornelimünster.
Foto: F. Holtz
In der heute belgischen Provinz Namur, und hier wiederum in den Ortschaften Huy bzw. insbesondere in Dinant entstand im Hochmittelalter (um die Jahrtausendwende) ein blühendes Messinggewerbe. Kennzeichnend für Dinant waren kunstvoll aus Blech getriebene Arbeiten, was den Kupferschlägern oder Batteurs ihre Berufsbezeichnung gab. Das Dinanter Messinggewerbe brachte bedeutende Kunstwerke, vorwiegend zur sakralen Verwendung, hervor. Der Ausdruck Dinanderien steht auch heute noch als Synonym für handwerklich getriebenes Ziergerät aus Messing.

Der blühende Wirtschaftraum um Dinant fand seinen Niedergang im Jahre 1466 nachdem die Bürger Dinants sich in stolzer Selbstüberschätzung auf kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Herzog Philipp von Burgund und seinem Sohn, dem späteren Karl dem Kühnen, eingelassen hatten. Hierbei wurde Dinant völlig zerstört. Die überlebenden, plötzlich mittellos gewordenen Batteurs wanderten nach allen Richtungen aus, unter anderem auch in die freie Reichsstadt Aachen.


Haushaltsgefäß aus Messing
Foto: K. Heymann
In gewisser Weise setzte sich die Messingtradition in Aachen fort und erreichte nach kurzer Zeit schon eine erneute Hochblüte. Allerdings brach das Aachener Messinggewerbe mit der Tradition der "Dinanderien", des kunstvoll ausgetriebenen Zierrats und der sakralen Kunstwerke, und stellte stattdessen in zunehmendem Maße Gerätschaften des täglichen Gebrauchs her. Diese Abkehr von vorwiegend sakralen Ziergegenständen hin zu weltlichem, profanem Gebrauchsgerät war durchaus auch Ausdruck des damaligen Zeitgeistes.

Die mit Messingprodukten erzielte Marktakzeptanz hatte jedoch auch ganz andere Auswirkungen: Das in großen Stückzahlen hergestellte Messinggerät war deutlich leichter, sehr viel handlicher und vor allen Dingen weniger zerbrechlich als Töpferwaren, die zunehmend vom Markt verdrängt wurden, was für die Gilde der Töpfer in Raeren, Langerwehe und Frechen allerdings fatale Konsequenzen hatte.

Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wanderten die fast ausschließlich protestantischen Aachener Kupfermeister nach Stolberg aus, was häufig mit der einsetzenden Gegenreformation und den daraus resultierenden Repressalien, also mit ausschließlich religiöser Motivation begründet wird. Wie bereits angedeutet, eroberten die in Aachen als Gebrauchsgegenstände des täglichen Bedarfs hergestellten Messingwaren neue Märkte, fanden guten Absatz und mussten in großen Stückzahlen hergestellt werden.

Wenn man nun bedenkt, dass nach dem Brennen des Messings zunächst relativ dicke Platten gegossen wurden, die bei der Herstellung von Fertigprodukten in den sogenannten Latschmühlen auf Blechstärke ausgehämmert werden mussten, so ist sofort einsichtig, dass eine Mechanisierung dieses Aushämmerns sicherlich sehr vorteilhaft gewesen wäre. Hierzu hätte es allerdings mechanischer Antriebskraft bedurft, die sich in ausreichender Menge eigentlich nur aus der Wasserkraft der Bachläufe gewinnen ließ. Nun wurde dieses Wasser jedoch bereits völlig von anderen Gewerbezweigen (von den Tuchmachern beispielsweise) genutzt. Es bestand sogar ein Verbot, wassergetriebene Hammerwerke zum Austreiben des Messings zu errichten bzw. zu betreiben.


Hammerwerk nach Krünitz

Dieses Verbot schützte einerseits die Privilegien (Wassergerechtsame) der Tuchmacher und andererseits die Existenz der Kessler oder Kupferschläger. Letztere waren in einem zunftähnlichen Ambacht organisiert und hatten natürlich ein Interesse daran, dass die Kupfermeister zwar Messing und möglicherweise auch Messingblech, aber eben nicht Fertigwaren herstellten.

Die Zwänge, die sich aus dem Verbot der Wasserkraftnutzung und aus der Ambachtsituation der Kessler ergaben, behinderten die Weiterentwicklung des Messinggewerbes ganz erheblich und waren weder mit der Idee liberaler Wirtschaftssysteme vereinbar, noch entsprachen sie der in zunehmendem Maße erhobenen Forderung nach mechanisierten Arbeitsabläufen.

Im Stolberger Tal stellte sich die Situation gänzlich anders dar als in Aachen. Die Wasserkraft des Vichtbaches wurde nur am Oberlauf von den Eisenhüttenleuten, den sogenannten Reitmeistern, genutzt und stand im mittleren bzw. unteren Talabschnitt noch weitgehend zur freien Verfügung.


Burgansicht mit Vichtbach nach Walschaple 1544

Neben der Wasserkraft bot der Großraum Stolberg auch Steinkohle zum Beheizen der Öfen und der zur Messingherstellung besonders wichtige Galmei. Fernerhin ließ sich aus den anfangs reichlich, später jedoch nur noch spärlich vorhandenen Buchenwaldbeständen der nahen Eifel die erforderliche Holzkohle gewinnen.

Auf Grund der offenkundig sehr günstigen Standortbedingungen im Stolberger Tal wird man unterstellen können, dass bei der Abwanderung der Kupfermeister von Aachen nach Stolberg nicht nur das Streben nach Religionsfreiheit eine Rolle gespielt hat, sondern unternehmensstrategische Erwägungen entscheidend gewesen sind. Als erster Stolberger Kupfermeister kam Leonhard Schleicher 1572 nach Stolberg, zu einer Zeit also, als die protestantischen Kupfermeister den Stadtrat im katholischen Aachen noch majorisierten. Für Leonhard Schleicher muss also die wirtschaftliche Attraktivität des Standortes im Stolberger Tal entscheidend gewesen sein.


Adler Apotheke in der Burgstraße, ehemals Kupferhof des Leonhard Schleicher.
Foto: Axel Pfaff
Im Zuge der nachfolgenden Entwicklung ließ sich im Stolberger Tal auch zu vorindustrieller Zeit der Trend zu weiterer Mechanisierung beobachten. Die Latschmühlen zum Austreiben der gegossenen Messingplatten wurden gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch Walzwerke abgelöst, die zunächst noch mittels Wasserkraft angetrieben wurden. Hierdurch konnte die Herstellung des Bleches ganz erheblich beschleunigt werden. Außerdem waren die gewalzten Bleche bezüglich ihrer Dicke bedeutend gleichmäßiger. Ein weiterer Vorteil des Walzens bestand darin, dass man in sehr viel geringerem Maße von der Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit der Mitarbeiter abhängig war. Die Form der Walzen und die Einstellung des Walzenspaltes waren jetzt bestimmend für die Geometrie und für die Qualität des fertigen Bleches. Nicht mehr die Erfahrung und Zuverlässigkeit der Hammerknechte, sondern einstellbare Verfahrensparameter wurden bestimmend für Eigenschaften und Güte des hergestellten Produktes. Die durch maschinelle Herstellung erzielte Vergleichmäßigung von Halbzeug- und Fertigprodukten stellte ein weiteres Kriterium dar, das für die Industrialisierung kennzeichnend gewesen ist.


Drücken einer Messingschale.
Foto: Stolberger Metallwerke
Auch das manuelle Austreiben von Tiefwaren wurde im Laufe der Zeit durch ein neues Verfahren ersetzt. Das "Freihandformen" in den Tiefmühlen wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgelöst durch sogenannte Drückbänke. Konstruktion und Auslegung der Drückbänke erinnern sehr stark an Dreh- oder Drechselbänke. Im Gegensatz zum Drehen oder Drechseln jedoch handelt es sich beim Metalldrücken nicht um eine spangebende, sondern um eine plastische Verformung der zu bearbeitenden Bleche.

Mit dem Verfahren des Metalldrückens wurden ein deutlich höherer Mechanisierungsgrad und eine erheblich höhere Produktivität erreicht, als dies in den vorher üblichen Tiefmühlen der Fall gewesen war. Auch hier lassen sich wieder charakteristische Merkmale der Industrialisierung erkennen. Im Vergleich zum "Freihandformen" in den Tiefmühlen, gewährleistete die fest vorgegebene Geometrie des Modells eine sehr viel höhere Gleichförmigkeit der Produkte. Außerdem konnte der Zeitaufwand pro Produktionseinheit durch die Einführung der Drückbänke erheblich reduziert werden. Hierdurch waren die Voraussetzungen für eine Großserienfertigung gegeben, die für das Industriezeitalter ebenfalls kennzeichnend und typisch war.

Übergang zur Industrialisierung
Die Methode der Arbeitsteilung zur Steigerung der Produktionsleistung war nicht nur Ergebnis einer stetigen Entwicklung, sondern wurde in zunehmendem Maße auch Grundlage unternehmensstrategischer Konzepte und letztlich auch Basis einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Besonders deutlich wird diese gesellschaftspolitische Grundhaltung in dem epochemachenden Werk "An inquiry into the nature and causes of the wealth of nations", welches 1776 von dem englischen Wirtschaftstheoretiker Adam Smith publiziert wurde.

Der Umstand, dass diese Arbeit von einem Engländer verfasst wurde, ist deshalb bezeichnend, weil sowohl der technische als auch der gesellschaftliche Umbruch, mit dem man heute die Industrielle Revolution verbindet, auf den britischen Inseln begann.

Der Übergang von einer feudalistisch geprägten Privilegienwirtschaft zu einem liberalen Wirtschaftssystem, welches vorwiegend von einem erstarkenden Bürgertum getragen wurde, begann in England bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert. Die Abschaffung von Zunftzwängen und Zollbarrieren sowie die Entfaltung eines freien Wettbewerbs führten in Verbindung mit neuen Produktionsmethoden zu einem gewaltigen Wirtschaftsaufschwung und beschleunigte letztlich auch die technologische Entwicklung. Ein nicht unerheblicher Beitrag zum technischen Fortschritt lieferte der naturwissenschaftliche Erkenntnisgewinn, der sich seit der Zeit der Hochrenaissance in zunehmendem Maße einstellte.

Eine vergleichbare Entwicklung, die auch hier sowohl die gesellschaftlichen Strukturen als auch den technologischen Fortschritt beeinflusste, vollzog sich im kontinentalen Europa erst als Folgeerscheinung der Französischen Revolution von 1789. Im Vergleich zu England stellte sich der gesellschaftliche Umbruch im westlichen Kontinentaleuropa somit deutlich später ein. Für das englische Wirtschaftssystem ergab sich hieraus ein entscheidender Technologievorsprung. Die Mehrzahl der bahnbrechenden technischen Entwicklungen, die letztlich die Industrielle Revolution ausmachten, gingen von England aus und eroberten, teilweise unterstützt durch Wirtschaftsspionage, den Kontinent. Allerdings zeigte sich das hässliche Gesicht des Frühkapitalismus gerade in England ganz besonders deutlich.


Allianzwappen der Kupfermeisterfamilien Peltzer und Schleicher. Foto: F. Holtz
Das vom Feudalismus weitgehend befreite Großbürgertum begann nun seinerseits Sozialstrukturen auszubilden, die in mancherlei Hinsicht denen des Adels ähnlich waren. Es entstand eine streng abgegrenzte Oberschicht, innerhalb derer sich das gehobene gesellschaftliche Leben abspielte. Die Zugehörigkeitskriterien definierten sich nicht mehr durch Herkunft und Abstammung, sondern ausschließlich durch wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand. So war es kaum verwunderlich, dass sich im 19. Jahrhundert für die bürgerliche Oberschicht der Ausdruck "Geldadel" durchsetzte.

Die Arbeiterschicht geriet sehr bald in wirtschaftliche Abhängigkeiten, die im Ergebnis ähnlich schlimm waren wie die Leibeigenschaft im überwundenen Feudalismus. Im günstigsten Fall trug das Verhalten der Unternehmer patriarchalische Züge, wobei auch bei fürsorglichem Führungsstil der Anspruch einer alleinigen und absoluten Entscheidungskompetenz in allen Belangen außer Frage stand.


Kupfermeisterfriedhof
Foto: Video-Produktion Karl Irle
Die Anlehnung des Großbürgertums an Gepflogenheiten und Privilegien des Adels war im Stolberger Raum schon sehr früh zu beobachten. Die zu Wohlstand gekommenen, bürgerlichen Kupfermeisterfamilien legten sich im Laufe des 17. Jahrhunderts Familienwappen zu. Das Führen eines Wappens war zwar nicht unbedingt ein Adelsprivileg, aber man konnte hiermit dem Anspruch Ausdruck verleihen, einer herausgehobenen Oberschicht anzugehören. Der elitäre Charakter dieser sich in hohem Maße abgrenzenden Oberschicht drückt sich auch darin aus, dass die Söhne bzw. Töchter vorwiegend und vorzugsweise mit Nachkommen anderer Kupfermeisterfamilien verheiratet wurden.


Finkenbergkirche.
Foto: F. Holtz
Die eindrucksvollen, aus Blaustein gehauenen Grabplatten auf dem Kupfermeisterfriedhof an der Finkenbergkirche sprechen eine deutliche Sprache. Bei einem Rundgang fällt auf, dass es sich bei den Allianzwappen (Wappen des Ehemannes und der Ehefrau) um eine variantenreiche Kombination einer sehr begrenzten Anzahl von Einzelwappen handelt, die Familien also stark untereinander verschwägert waren.

Nicht nur die schiere Größe der Grabplatten, sondern auch deren Gestaltung und insbesondere der Wappenschmuck zeugen von Selbstwertgefühl und sozialer Stellung der Kupfermeisterfamilien. Bezüglich des Standortes der Finkenbergkirche wird gelegentlich die Vermutung geäußert, dass die standesbewussten Kupfermeister ihr Gotteshaus nicht zufällig, sondern mit Bedacht gegenüber der Burg und auf gleicher Augenhöhe mit dem Burgherrn errichteten.

Auch die Bauformen der unterschiedlichen Kupferhöfe lassen die soziale Stellung und das Selbstbewusstsein der Kupfermeisterfamilien erkennen. Ursprünglich (um 1600) wurden die Kupferhöfe noch als einfache, zweckmäßige Hofanlagen errichtet, deren Gebäude üblicherweise um einen allseitig geschlossenen Innenhof gruppiert waren. Diese festungsartige Bauform entsprach den Bedürfnissen der unruhigen Epoche des Dreißigjährigen Krieges. Wehrhaftigkeit als unerlässlicher und konzeptioneller Aspekt bei der Planung und Errichtung von Kupferhöfen verlor im Laufe der Zeit mehr und mehr an Bedeutung. NAGEL J.G. (2000) Seite 167

Die Kupferhöfe, die etwa 100 Jahre später, also um 1700 entstanden, zeigen bezüglich Architektur, Bauausführung und Gestaltung ein völlig anderes Bild. Das Konzept der geschlossenen Hofanlage wurde abgelöst durch eine meist dreiflügelige, repräsentative Herrenhausarchitektur. Die Höfe Grünenthal und Rosental beispielsweise lassen sich hinsichtlich Architektur und Gestaltung durchaus mit Adelssitzen vergleichen und dokumentieren einen ganz augenfälligen und erstaunlichen Wandel im Lebensstil und im Selbstverständnis der wirtschaftlich äußerst erfolgreichen Kupfermeister.


Kupferhof Rosental, Foto: Axel Pfaff

 

Industrielle Revolution

Die in der frühen Neuzeit einsetzende und rasch fortschreitende Mechanisierung von Produktionsprozessen aller Art in Verbindung mit den daraus resultierenden Bedürfnissen und technischen Notwendigkeiten leiteten um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ökonomische und soziale Umwälzungen ein, die man später mit dem Begriff "Industrielle Revolution" belegte. Mit der Entwicklung von Spinnmaschinen und mechanischen Webstühlen entstanden Produktionsstätten, die man mit Fug und Recht als Fabriken bezeichnen konnte. Aber nicht nur in der Textilindustrie, sondern in nahezu allen Produktionsbereichen setzten sich Maschinen durch, die eine Mechanisierung der Arbeitsabläufe erlaubten. Voraussetzung für den Betrieb derartiger Produktionsanlagen war natürlich die Bereitstellung entsprechender Antriebskraft.


Foto: F. Holtz
Der Einsatz von Wasser- bzw. Windmühlen und von Tiergöpeln lieferte nur sehr begrenzte Energiebeiträge, welche den steigenden Bedarf kaum decken konnte. Die Energiegewinnung wurde also zu einem begrenzenden Faktor, der die weitere Entwicklung in entscheidendem Maße zu hemmen drohte. Dies bezog sich nicht nur auf den Antrieb von Produktionsmaschinen, sondern auch und insbesondere auf die Wasserhaltung in den Bergwerken. Die bei zunehmenden Abbauteufen anfallenden und aus immer größeren Teufen zu hebenden Grubenwässer ließen sich mit den traditionellen Antriebsarten nicht mehr bewältigen.

Dampfkraft und Dampfmaschinen
Zur Lösung dieses Problems hatte man sich schon seit längerer Zeit auf die Nutzbarmachung der Dampfkraft konzentriert. Bereits im 18. Jahrhundert fanden einfache Dampfmaschinen, die von Thomas Newcomen entwickelt worden waren, im Bergbau Verwendung.

Bild
Dampfmaschinen der Erzgrube Diepenlinchen um 1900
(Gesamtleistung 3200 PS)
Privatarchiv W. Hamacher
Der entscheidende Durchbruch gelang jedoch erst, als gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit der von James Watt konstruierten, doppeltwirkenden Dampfmaschine ein betriebssicheres und leistungsfähiges Antriebsaggregat zur Verfügung stand. Erstmals in der langen Technikgeschichte wurde es nunmehr möglich, Antriebsenergie in nahezu beliebiger Menge einzusetzen; und das an jedem beliebigen Ort, zu jeder beliebigen Zeit.

Interessanterweise kamen Dampfmaschinen zunächst vorwiegend im Steinkohlenbergbau (hauptsächlich als Wasserhaltungsmaschinen) zum Einsatz. Man setzte also Steinkohle ein, um immer noch mehr Steinkohle auch zum Betrieb eben dieser Wasserhaltungsmaschinen zu fördern. Sehr bald schon eroberte die Dampfmaschine auch die Erzbergwerke und fand ganz allgemein als Antriebsaggregat in allen Bereichen der Produktion und Fertigung Verwendung. Die Dampfmaschine wurde somit zum Symbol, fast schon zum Synonym für die Industrielle Revolution.


Herrenkunst Eschweiler Pumpe
Der für die frühe Neuzeit kennzeichnende Einsatz von Kraftmaschinen kann in der Entwicklungsgeschichte des hiesigen Wirtschaftraumes nahezu beispielhaft abgelesen werden. Bereits um 1630 wurde direkt an der Inde eine aus zwei gewaltigen Wasserrädern bestehende Anlage gebaut, die in Verbindung mit zwei Schächten und entsprechenden Pumpen der Wasserhaltung in den Steinkohlenbergwerken des Eschweiler Kohlbergs dienten. Diese mächtige Anlage befand sich im heutigen Stadtteil Eschweiler Pumpe und ist für diesen Ortsteil auch namengebend gewesen. Da Errichtung und Betrieb auf Rechnung der Territorialherren (Grafen von Jülich) erfolgte, wurde diese Pumpenanlage Herrenkunst oder auch Herrenpumpe genannt. Die Anlage blieb bis 1891 in Betrieb und war von großer Bedeutung für den Abbau der Steinkohle im Eschweiler Kohlberg.

Während der späteren Betriebsjahre wurde die Antriebsleistung der Wasserräder durch den Einsatz von Dampfmaschinen unterstützt bzw. verbessert. Hierzu war im Jahr 1794 in unmittelbarer Nachbarschaft die erste Dampfmaschine in unserer Region aufgestellt worden.

Eine ähnliche Wasserkraftanlage wurde um 1500 im heutigen Berthold-Wolff-Park an der Rhenaniastraße an der Stelle errichtet, wo sich heute die restaurierten Glühöfen befinden. Diese sogenannte Atscher Pumpe diente ursprünglich der Entwässerung des Steinkohlenfeldes der Atscher Grube.

Unter Verwendung des vorhandenen Weihers und der Mühlgräben (Kunstgefälle) wurde die Anlage um 1800 so modifiziert, dass sie als zentrales Antriebsaggregat eines neuen Messingwerkes, der Atscher Mühle, eingesetzt werden konnte. Hier wurde auch das erste Messingwalzwerk in Stolberg errichtet.

Eine weitere Wasserradanlage war die Birkenpumpe (auch großes Rad genannt), die in den 1650er Jahren zur Entwässerung der Steinkohlengrube Birkengang gebaut wurde. Standort dieser Anlage war der Verbindungsweg zwischen Frankentalstraße und Eschweiler Straße, der auch heute noch "Am Großen Rad" genannt wird.


Ehemaliges Pumpenhaus
der James Grube.
Foto: F. Holtz
In ähnlicher Weise nimmt der Straßenname "Pümpchen" im Stadtteil Mühle Bezug auf eine dampfbetriebene Wasserhaltungspumpe der James-Grube, die ebenfalls Steinkohle förderte. Warum sich für diese Anlage in der Umgangssprache die Verniedlichungsform durchgesetzt hat, lässt sich kaum nachvollziehen. Jedenfalls hat hier eine ausgewachsene Pumpe mit Dampfmaschine gestanden, die durchaus eine damals übliche Größenordnung erreichte.

Obschon der Einsatz von Dampfmaschinen eine notwendige und entscheidende Voraussetzung für die Industrielle Revolution war, hat es eine weitere technologische Umwälzung gegeben, welche die zukünftige Entwicklung in ähnlicher Weise beeinflusst hat wie die Dampfkraft. Diese neue Technologie bezog sich auf die Verwendung von Steinkohle bzw. Koks in der Metallurgie und war letztlich von ungeahnter Tragweite.

Wie bereits erwähnt, standen - auf Grund der Gegebenheiten in den Bergwerken - Dampfmaschine und Steinkohle in enger Wechselbeziehung zueinander. In früheren Zeiten, als man sich noch mit der Wasserkraft begnügen musste, hatte Steinkohle nur einen vergleichsweise geringen Gebrauchswert, da sie zur Verwendung in Metallhütten nicht geeignet war.

Einsatz von Kohle im Hochofenprozess
Bei Verhüttungsprozessen spricht man häufig von einem Ausschmelzen der Metalle aus dem Erz. Diese umgangssprachliche Ausdrucksweise entspricht kaum dem tatsächlichen Prozessablauf und ist eigentlich sogar irreführend, da die im Erz enthaltenen Metalle normalerweise nicht in ihrer elementaren Form, sondern als Metalloxide vorliegen. Die Metalloxide müssen zunächst also chemisch umgewandelt werden. Mit anderen Worten: die chemische Verbindung zwischen Metall und Sauerstoff musste aufgebrochen werden, so dass die Metalle in ihrer Reinform freigesetzt wurden.

Unter Verwendung von Holzkohle wurde das Erz auf über 1000 oC erhitzt. Hierbei konnte der im Erz gebundene Sauerstoff mit dem Kohlenstoff der Holzkohle reagieren, wobei als Reaktionsprodukt einerseits das Reinmetall entstand und andererseits Kohlendioxid bzw. Kohlenmonoxid gebildet wurde. In der Fachsprache ist dieser Vorgang mit dem Begriff "Reduktion" belegt und der als Reaktionspartner wirkende Kohlenstoff wird Reduktionsmittel genannt.


Hochofen in Zweifallshammer, Kalltal, Foto: H. Schreiber
Die Kohle hatte im Hochofen also zwei Funktionen zu erfüllen, nämlich erstens die Lieferung entsprechender Heizenergie und musste zweitens bei der chemischen Umwandlung des Erzes als Reduktionsmittel dienen. Während der Einsatz von Steinkohle als Wärmeenergieträger ohne Weiteres möglich gewesen wäre, behinderten die in der Steinkohle enthaltenen bituminösen und schwefeligen Bestandteile den Reduktionsprozess und machten eine vernünftige Metallausbringung unmöglich. Somit war man gezwungen, die Hochöfen mit Holzkohle zu betreiben. Holzkohle jedoch wurde in zunehmendem Maße knapp und teuer, wodurch der weiteren Entwicklung, insbesondere der Eisenhüttenindustrie, enge Grenzen gesetzt waren. Der Einsatz von Steinkohle bzw. eines ihrer Derivate (Koks) in der metallschaffenden Industrie wurde erst möglich, nachdem man die Steinkohle in den Kokereien von den flüchtigen, bituminösen und schwefeligen Substanzen befreien konnte.


Galmei aus dem Steinbruch Bernardshammer.
Sammlung u. Foto: F. Holtz
Bezüglich der Verwendung von Steinkohle in metallurgischen Prozessen kann der Stolberger Wirtschaftsraum in gewisser Weise als Sonderfall gelten. Die Stolberger Kupfermeister stellten bis zum 18. Jahrhundert Messing nach dem sogenannten Galmeiverfahren her.

Hierzu wurden Kupferstücke, Galmeierz und Holzkohle in einen Tiegel gegeben, wobei das Galmeierz mit Hilfe der Holzkohle zu Zink reduziert wurde, welches sich dann mit dem Kupfer zu Messing legierte. Anders als bei den Hochöfen musste der eingesetzte Brennstoff nicht notwendigerweise gleichzeitig als Reduktionsmittel dienen, sondern es konnten durchaus verschiedene Stoffe entsprechend ihrer Zweckdienlichkeit für den jeweiligen Verwendungszweck herangezogen werden. Somit konnten die Beheizung der Tiegel und der eigentliche Betrieb der Messingöfen mit Brennstoffen jedweder Art, also auch mit Steinkohle erfolgen. Lediglich das in den Tiegeln eingesetzte Reduktionsmittel, das einen nur verschwindend geringen Anteil ausmachte, musste aus Holzkohle bestehen.


Reimeisterhaus in Zweifall. Foto: F. Holtz
Der Einsatz von Steinkohle ist für die Kupfermeister von allergrößter Bedeutung gewesen, als die Holzkohle auf Grund des zu ihrer Gewinnung betriebenen exzessiven Holzeinschlages in den umliegenden Wäldern zu Anfang des 18. Jahrhunderts nicht nur im Stolberger Raum knapp und teuer wurde. Während die im oberen Vichttal ansässigen Reitmeister bei der Eisengewinnung den gesamten Verhüttungsprozess mit eben dieser teuren Holzkohle betreiben mussten, konnten die Kupfermeister den gesamten Heizenergiebedarf durch Verwendung der erheblich billigeren Steinkohle abdecken.

Hieraus ergab sich im Stolberger Wirtschaftsraum schon in vorindustrieller Zeit ein gewaltiger Steinkohlenbedarf, der einen entsprechenden Einfluss auf die Entwicklung des Steinkohlenbergbaus hatte. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts beispielsweise sind die Kupfermeister jährlich mit 7.500 zweispännigen Karren zu je 40 Ztr. beliefert worden, was einer Gesamtjahresmenge von 15.000 t. entsprach.


Christine Schacht, Birkengang
Zeichn. A. Kohlhaas
Auf Grund der technologischen Eigenarten des Galmeiverfahrens konnten die Kupfermeister bereits den Umstand nutzen, dass sich in der Region Erz- und Steinkohlenlagerstätten in enger räumlicher Nähe befanden. Diese Lagerstättenkonstellation, nämlich Erze im Süden und Kohle im Norden, wurde im Laufe der Industrialisierung von immer größerer Bedeutung und war entscheidend für den Erfolg unserer Wirtschaftsregion in frühindustrieller Zeit.

Zum Betrieb der im 19. Jahrhundert entstandenen Zink- und Bleihütten waren Erzmengen erforderlich, die nur durch den Ausbau der Erzgruben zur Teufe hin eingewonnen und gefördert werden konnten. Hieraus ergab sich eine zunehmend aufwändig werdende Wasserhaltung, die nur durch leistungsstarke Dampfmaschinen und durch den Einsatz entsprechender Steinkohlemengen bewerkstelligt werden konnte.


Erzgrube Diepenlinchen
Ölgemälde von F. Hüllenkremer
Die Steinkohle wurde also sowohl in den Hütten zum Erschmelzen der Erze als auch in den Erzgruben zum Abpumpen der Grubenwässer benötigt. Deshalb baute man die Metallhütten vorwiegend im Bereich der Steinkohlenabbaufelder, wo die Kohle ohne größere Transportkosten verfügbar war. Die Fuhrwerke, die das Erz zur Hütte brachten, nahmen auf dem Rückweg die Steinkohle zum Betrieb der Wasserhaltungsmaschinen mit.

Die Relevanz dieses Arrangements wird deutlich, wenn man die Betriebsverhältnisse in der Erzgrube Diepenlinchen betrachtet. In den letzten Betriebsjahren (Grubenschließung 1919) überstieg die Gewichtsmenge der zur Wasserhaltung eingesetzten Kohle die Erzfördermenge ganz erheblich.

Die durch den Einsatz von Koks in den Hochöfen erzielte Verfügbarkeit von Eisen und Stahl als Massengüter ermöglichte den Bau leistungsfähiger Maschinen, u.a. auch die Großserienfertigung von Dampfmaschinen. Die Entwicklung der Eisenbahnen und die Erstellung von großräumigen Schienennetzen wären gleichfalls ohne billiges, massenhaft verfügbares Eisen bzw. Stahl undenkbar gewesen. Das zunehmend dichter und weiträumig werdende Eisenbahnnetz führte einerseits zu einem immer weiter steigenden Bedarf an Eisen und Stahl und andererseits zu einer Revolution des Verkehrswesens. Die Eisenbahn sorgte für einen regen Austausch von Wirtschaftsgütern zwischen den in unterschiedlichen Regionen entstehenden Industriezentren.


Schnellzug-Lokomotive, Bildquelle: R. Georg !909, Der Maschinenbau.

Hieraus ergaben sich nicht nur rein ökonomische Vorteile. Günstige Transportmöglichkeiten waren auch Grundvoraussetzung für die zunehmend komplexer werdenden Fertigungsprozesse, zu deren Betrieb häufig Grund- und Hilfsstoffe aus unterschiedlichen Regionen erforderlich waren.

Die schon für die frühe Industrialisierung typischen gegenseitigen technologischen Wechselbeziehungen und Interdependenzen, die im Laufe der Zeit noch enger und verzweigter wurden, lassen sich auch am Beispiel der Hochofentechnologie erkennen. Auf Grund der steigenden Nachfrage nach Eisen und Stahl kamen zunehmend größere Hochöfen zum Einsatz. Dies wurde erst möglich, nachdem dampfbetriebene Gebläse für eine entsprechende Luftzufuhr sorgten.

Die erste ausschließlich mit Koks betriebene Eisenverhüttung wurde 1735 im englischen Coalbrookdale durch Abraham d.Ä. und Abraham d.J. Darby (Vater und Sohn) realisiert. Dieses neue Produktionsverfahren setzte sich jedoch nur relativ langsam durch und verdrängte die Holzkohlehochöfen erst im Laufe des 19. Jahrhunderts.

Bild
Junkershammer. Foto: F. Holtz
Obschon das Eisenhüttengewerbe im Stolberger Tal noch bis 1869 betrieben wurde, kam es nicht mehr zum Einsatz von Kokshochöfen. Henri Hoesch (1800-1879), letzter Reitmeister auf Junkershammer, hatte zwar durchaus ehrgeizige Pläne zum Ausbau des Junkershammers und strebte u.a. eine Umstellung der Hochöfen auf Koksbetrieb an, konnte diese Pläne jedoch nicht mehr verwirklichen.

Andere Eisenhüttenwerke der Region, wie beispielsweise die Eschweiler Concordia oder das Aachener Hüttenwerk Rothe Erde setzten zum Betrieb ihrer Hochöfen im 19. Jh. natürlich die neue Kokstechnologie ein.

Anfänglich bediente man sich bei der Herstellung von Koks eines Verfahrens, das man zur Gewinnung von Holzkohle schon über Jahrhunderte eingesetzt hatte. Diese einfachen Meiler bestanden aus aufgehäufter Steinkohle, die mit einer Abdeckung aus Erde und trockenen Laub abgedeckt war. Ausgehend von einem mittig angeordneten Feuerschacht wurde die Kohle alsdann unter Luftabschluss erhitzt und verschwelt.

Da sich bei Anwendung dieser Methode einige Steinkohlequalitäten nicht oder weniger gut verkoken ließen, kam es zur Entwicklung spezieller Bienenkorb- und später auch Schachtöfen bzw. Ofenbatterien, mit deren Hilfe ein breiteres Sortiment von Steinkohlearten zu Koks verarbeitet werden konnte.

Großchemie und Produktdiversifikation
Um 1900 setzte eine weitere Entwicklung ein, die für das breite Feld der Kohlechemie entscheidende Impulse lieferte. Man versuchte nämlich, die bei der Verkokung freiwerdenden Gase zur Herstellung von Leuchtgas zu nutzen. Bei der Verkokung von Steinkohle entstanden nicht nur Leuchtgas und Koks, sondern vor allem auch Teer, der zunächst als lästiges Abfallprodukt anfiel. Im Gas enthaltene Teerrückstände mussten sorgfältig entfernt werden, da sie ansonsten die Gasleitungen verstopft hätten. Im Rohgas war fernerhin Schwefelwasserstoff enthalten, der beim Verbrennen ätzendes Schwefeldioxid bildete. Des weiteren musste Ammoniak aus dem Rohgas entfernt werden, da diese stechend riechende Substanz bei der Verbrennung des Gases toxische Stickoxide freisetzte.

Die Nutzbarmachung der bei der Verkokung von Steinkohle anfallenden Gase setzte also die Entwicklung geeigneter Reinigungsprozesse für das Rohgas voraus. Die ursprünglich nur als lästig empfundenen Abfallprodukte (insbesondere Teer und Ammoniak) sollten nur wenig später zu wertvollen Grundstoffen werden, welche die Entwicklung der chemischen Industrie entscheidend beeinflussten. Während Ammoniak u.a. bei der späteren Herstellung von Solvay-Soda eine bedeutende Rolle spielte, wurde Teer zum wichtigsten Grundstoff für einen völlig neuen, hoch komplexen und weit verästelten Industriezweig, der sogenannten Teerchemie.

Die wissenschaftliche Untersuchung des Steinkohlenteers wurde 1833 durch Friedlieb Ferdinand Runge eingeleitet. Durch fraktionelle Destillation (Zerlegung des Teers in Bestandteile mit unterschiedlichen Siedepunkten) entdeckte er u.a. Phenol sowie Anilin. Beide Substanzen sind wichtige Ausgangsstoffe für eine Vielzahl technischer Verbindungen, die beispielsweise zur Herstellung synthetischer Farbstoffe und Arzneimittel Verwendung finden.

Rückblickend lässt sich sagen, dass die zum Betrieb der Hochöfen erforderliche Verkokung von Steinkohle einen ähnlichen, wenn nicht sogar nachhaltigeren Einfluss auf die Industrialisierung genommen hat, als die symbolträchtige und spektakuläre Dampfkraft.

Eine ebenfalls enge und komplexe Verzahnung von Haupt-, Folge- und Koppelprodukten ergab sich im Stolberger Raum aus einem ganz anderen Zusammenhang.

Bild
Schalenblende, Erzgrube Hammerberg.
Sammlung u. Foto: F. Holtz
Der im 19. Jahrhundert einsetzende großtechnische Betrieb der Erzgruben und der damit verbundene Abbau tiefer liegender Erzlager hatten zur Folge, dass sich die Art des geförderten Erzes änderte. Die bis zu etwa 80 Metern unterhalb der Tagesoberfläche lagernden Erze sind durch verwitterungsähnliche Prozesse (Metasomatose) umgebildet worden und haben hierbei ihre Schwefelbestandteile verloren. Unterhalb dieser sogenannten Oxidationszone blieben die Erze in ihrem ursprünglichen Zustand, nämlich als Metallsulfide erhalten. Es sind also chemische Verbindungen des jeweiligen Metalls (in unserem Fall Zink, Blei und/oder Eisen) mit Schwefel. In den meisten Fällen waren diese sogenannten Primärerze eng miteinander verwachsen und bildeten einen Erztypus, den man auf Grund seiner schalig aufgebauten Strukturen Schalenblende nennt.

Während die metasomatisch umgebildeten Erze direkt verhüttet werden konnten, mussten die Primärerze zunächst geröstet werden. Bei Temperaturen um 800 oC und unter Zufuhr von Luftsauerstoff bildeten sich einerseits Metalloxide, die zur Verhüttung geeignet waren, und andererseits gasförmiges Schwefeldioxid. Letzteres gelangte zunächst in die Atmosphäre, wo in Verbindung mit der Luftfeuchtigkeit Schwefelsäure entstand. Hieraus ergab sich ein ernstes Umweltproblem, denn in unmittelbarer Nähe der sogenannten Rösthütten waren Grashalme schon eine Seltenheit, von Bäumen oder Sträuchern ganz zu schweigen. Aber auch in weiterem Umkreis traten, insbesondere in vorherrschender Windrichtung, erhebliche Vegetationsschäden auf, so dass die Betreiber sich gezwungen sahen, beträchtliche Entschädigungszahlungen zu leisten.

Bild
Bleihütte Binsfeldhammer, Teil der Schwefelsäure-Anlage.
Das zunächst als lästig und schädlich empfundene Röstgas ließ sich als höchst begehrter Wertstoff nutzen, wenn man dafür sorgte, dass die bei der Röstung freiwerdenden Schwefeldioxidgase in ihrer Reinform erhalten blieben und in Bleikammeranlagen zur Herstellung von Schwefelsäure weiter verarbeitet wurden.

Bereits 1850 versuchte Friedrich Wilhelm Hasenclever in seiner neu gegründeten Waldmeisterhütte durch den Einsatz von geeigneten Öfen, das bei der Röstung von Zinkblende freiwerdende Schwefeldioxid aufzufangen und nutzbar zu machen, was jedoch über Jahrzehnte nur unbefriedigend gelang.

Bild
Friedrich Wilhelm Hasenclever,
Archiv H. Beckers, Eilendorf.
Die Waldmeisterhütte wurde 1852 Teil der von Friedrich Wilhelm Hasenclever mitbegründeten Rhenania, welche die gleichen Unternehmensziele verfolgte, und in der Hasenclever als Teilhaber und Generaldirektor fungierte. Unter maßgeblicher Beteiligung von Robert Hasenclever (Sohn und Nachfolger von Friedrich Wilhelm) entstand 1882 als Ergebnis einer langen Entwicklungskette der sogenannte Rhenania-Ofen, der über Jahrzehnte zum Rösten von Zinkblende weltweit Verwendung fand und das Schwefeldioxid nahezu gänzlich auffangen und verwertbar machen konnte.

Die Entwicklung der Röstöfen und die Optimierung der Schwefeldioxidausbringung waren für die Umweltverträglichkeit der Metall-, in unserem Fall insbesondere der Zinkverhüttung von hoher Relevanz. Bei der Herstellung von 100 kg Zink aus sulfidischer Zinkblende wurden 98 kg Schwefeldioxid freigesetzt, dessen Eintrag in die Atmosphäre nur durch den Einsatz von geeigneten Röstöfen verhindert werden konnte. Diese Schwefeldioxidmenge entspricht unter Normalbedingungen (20 oC. und 1 bar) einem Volumen von 41 Kubikmeter. Betrachtet man die reinen Volumenverhältnisse, so ergibt sich bei der Verhüttung sulfidischer Zinkerze eine Volumenrelation zwischen Zink und Schwefeldioxid von etwa 1:3000.


Der Lange Hein in Münsterbusch
Parallel zu den Entwicklungen in der Rösttechnik versuchte man, das Umweltproblem mit dem Schwefeldioxid auf andere Art und Weise zu lösen. Entsprechend der damals und auch bis weit ins 20. Jahrhundert üblichen Strategie der hohen Kamine, errichtete man im Industriegebiet Münsterbusch den Langen Hein, dessen Name sich von der dort gelegenen St. Heinrichshütte ableitete. Dieser 123 m hohe Industrieschornstein gehörte damals zu den höchsten seiner Art in Europa. Mit der Strategie der hohen Kamine erzielte man natürlich weder eine Vermeidung noch eine Verringerung der Schadstoffe, sondern lediglich eine weiträumigere Verteilung und somit eine Reduzierung der Schadstoffkonzentrationen in bodennahen Luftschichten. Auf Grund der verbesserten Röst- und Hüttentechnik wurde der Lange Hein letztlich entbehrlich und 1963 gesprengt.

Obschon die Entwicklung und Optimierung der Röstprozesse für die Umwelt in hohem Maße segensreich gewesen sind, hatten die diesbezüglichen Anstrengungen eine vorwiegend wirtschaftliche Intension. Die anfallende Schwefelsäure konnte nämlich zur Herstellung von Soda nach dem sogenannten Leblanc-Verfahren eingesetzt werden. Und diese Soda wiederum war ein höchst wichtiges, für eine Vielzahl weiterer Industriezweige unabdingbares Schlüsselprodukt. So wurde Soda in großen Mengen als Flussmittel in der Glashüttenindustrie eingesetzt.


Chemische Fabrik Rhenania um 1940, Bildquelle: Rüsberg (1949).
In der Textilindustrie wurde Soda zum Waschen der Rohwolle benötigt und der steigende Baumwollanteil machte den Einsatz immer größerer Sodamengen erforderlich, weil man im Falle der Baumwolle zunächst das Samenfett auswaschen und dann die Fasern noch bleichen musste.

Seife und Waschmittel zählten zu Anfang des 19. Jahrhunderts auf Grund der hohen Kosten noch zu den Luxusgütern, eroberten aber riesige Absatzmärkte, da man sie in entsprechenden Mengen unter Verwendung von preiswerter Soda produzieren konnte.

Fernerhin lieferte der Leblanc Sodaprozess seinerseits eine Vielzahl von Folgeprodukten, die in unterschiedlichsten chemischen Prozessen zum Einsatz kamen. Hierzu gehörten u.a. Salzsäure, Chlorkalk, Natronlauge und Ätznatron.

Bild
Schwefelkies aus der Erzgrube Zufriedenheit.
Sammlung u. Foto: F. Holtz
Die Bedeutung von Schwefelsäure und Soda sowie die Tatsache, dass Soda nicht nur ein Folgeprodukt, sondern eine eigenständige, höchst wichtige Schlüsselsubstanz darstellte, wird im Stolberger Wirtschaftsraum durch einen Umstand verdeutlicht, der sich aus den Gegebenheiten unserer Erzlagerstätten ergab. In den Erzgruben stieß man häufig auf sogenannten Schwefelkies, der in den Erzgängen manchmal als Solitärmineral, meist jedoch zusammen mit sulfidischen Blei- und Zinkerzen vorkam.

Dieser Schwefelkies (Eisensulfid) eignete sich kaum zur Verhüttung und verblieb entweder als nicht förderwürdiges Erz im Gebirge oder fiel bei der Aufbereitung von Zink- Bleierzen als Abfallprodukt an. Gelegentlich konnte mit dem Rösten der zur Verhüttung vorgesehenen Erze der Bedarf an Schwefelsäure nicht gedeckt werden. In diesen Fällen wurde auch der ansonsten wertlose Schwefelkies gefördert und abgeröstet, wobei als verwertbares Röstprodukt nur noch das zur Sodaherstellung erforderliche Schwefeldioxid Verwendung fand.


Robert Hasenclever,
Archiv H. Beckers, Eilendorf.
Der bereits erwähnte, als Ingenieur ausgebildete Robert Hasenclever führte das Leblanc-Verfahren zur technischen Reife und erzielte in der Stolberger Rhenania einen weltweit anerkannt hohen, technischen Standard. Die Rhenania arbeitete sehr ertragreich mit besonders leistungsfähigen Anlagen, die zumeist im eigenen Hause konstruiert worden waren. Sowohl auf dem Gebiet der Erzröstung als auch bezüglich mehrerer Teilprozesse der Sodaherstellung galt der von Robert Hasenclever geführte Betrieb gegen Ende des 19. Jahrhunderts weltweit als Technologieführer.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde das Leblanc-Verfahren von dem energetisch sehr viel günstigeren Solvay-Verfahren abgelöst. Auch bei der Rhenania beschäftigte man sich bereits in den 1860er Jahren mit dem neuen Solvay-Prozess. Der Chemiker und damalige Betriebsleiter Moritz Honigmann hatte dort eine entsprechende Anlage zur Herstellung von Ammoniak-Soda im Labormaßstab entwickelt.

Da die Firmenleitung jedoch den Bau einer Solvay-Produktionsanlage innerhalb der Rhenania ablehnte, gründete Honigmann 1870 die erste deutsche Ammoniaksoda-Fabrik in Würselen. Der Hauptgrund für die Beibehaltung des Leblanc-Prozesses in der Rhenania war der Umstand, dass bei der Anwendung des Solvay-Verfahrens Ammoniak statt Schwefelsäure benötigt wurde, wobei letzteres (in Stolberg jedenfalls) in sehr viel geringerem Maße verfügbar war. Außerdem hatte man der Stolberger Blei- und Zinkhüttenindustrie weitreichende Abnahmegarantien für Schwefelsäure gegeben, und sah sich somit gezwungen, die Soda nach dem alten, energetisch weniger effektiven Leblanc-Verfahren herzustellen. Der Leblanc-Prozess schien also passgenau auf die hiesigen Gegebenheiten zugeschnitten und kam in Stolberg bis zum zweiten Weltkrieg zur Anwendung.

Auch in der einzigen in Stolberg noch verbliebenen Metallhütte, der Bleihütte Binsfeldhammer (Berzelius) fällt nach wie vor Schwefelsäure an, die heute jedoch hauptsächlich in der Kunststoffindustrie Verwendung findet.


QSL Aggregat
Foto: Berezelius Stolberg
Die Verhüttung, einschließlich des Röstens der Erze, findet heute in einem hochmodernen, sogenannten QSL-Reaktor statt, wobei das Rösten letztlich nichts anderes als eine Verbrennung des Schwefels bedeutet. Und wie bei jedem Verbrennungsvorgang wird hierbei Wärme und demzufolge Energie frei, die zur Stromerzeugung genutzt wird und etwa 70% des gesamten Energiebedarfs der Hütte abdeckt.

Das besondere bei diesem Verbrennungsprozess ist, dass keinerlei CO2, sondern Schwefeldioxid entsteht, das zu 99,9 % aufgefangen, und zur Herstellung von Schwefelsäure genutzt wird. Der QSL-Prozess erlaubt also nicht nur eine CO2-freie Energiegewinnung, sondern ebenfalls eine extrem CO2-arme Verhüttung der Erze. Angesichts der heutigen Klimadiskussionen ist dieser verfahrensbedingte Vorteil von hoher Bedeutung.


 

Literatur und Quellen

AGRICOLA, G. (1556): De re metallica libri XII, Basel (Deutsche Übersetzung: Prescher VIII) Neudruck 1953, Düsseldorf.

HENSELING, K.O. (1989): Bronze, Eisen, Stahl. Deutsches Museum, Kulturgeschichte der Naturwissenschaften und der Technik, Rowohlt Verlag.

HOLTZ, F. (1994): Vom Messing bis zur Großchemie. - Hrsg. Heimat- und Handwerksmuseum, Stolberg.

KOHLHAAS, A. (1965): Geschichte des Steinkohlenbergbaues im heutigen Stadtgebiete von Stolberg (Rhld), Beiträge zur Stolberger Geschichte und Heimatkunde, Heft 12, herausgegeben von der Stadtbücherei Stolberg.

NAGEL J.G. (2000): Standortkonkurrenz und regionaler Arbeitsmarkt in: Aufbruch in eine neue Zeit, Gewerbe, Staat und Unternehmer in den Rheinlanden des 18. Jh. Buchreihe: Der Riss im Himmel, Clemens August und seine Epoche, Band VIII.

OSTERATH, D. (1985): Soda, Teer und Schwefelsäure. Deutsches Museum, Kulturgeschichte der Naturwissenschaften und der Technik, Rowohlt Verlag.

RÜSBERG, F. (1949): Fünfzig Jahre Kali-Chemie Aktiengesellschaft.

SUHLING, L. (1988): Aufschließen, Gewinnen und Fördern. Deutsches Museum, Kulturgeschichte der Naturwissenschaften und der Technik, Rowohlt Verlag.


 

Zurück zum Anfang

Startseite Graphiken Kaleidoskop Touristisches