Inhaltsver-
zeichnis:
Entwicklung in der darstellenden Kunst
Neuer Denkansatz in der Wissenschaft
Renaissance und Technikentwicklung
Spuren aus vorindustrieller Zeit
Übergang zur Industrialisierung
Einsatz von
Kohle im Hochofenprozess
Großchemie und Produktdiversifikation
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Alphabet der
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In der wirtschaftshistorischen Entwicklung des Stolberger Raumes lassen sich in hohem Maße lokalspezifische Eigenarten und Besonderheiten erkennen, die sich hauptsächlich aus den naturgegebenen Standortfaktoren erklären. Insbesondere die Kupfermeister haben vom 16. bis 18. Jahrhundert mit ihrem äußerst erfolgreichen Messinggewerbe das Wirtschaftsleben des hiesigen Raumes bestimmt. Auch die beginnende Industrialisierung nutze z.T. noch die gleichen Ressourcen. Dies waren vor allem Erz- und Steinkohlelagerstätten, die nunmehr mit neuen Methoden sehr viel effektiver abgebaut werden konnten.
Zeitzeugen aus fast 450 Jahren Wirtschafts- und Industriegeschichte sind als Baudenkmale unterschiedlichster Art erhalten und bestimmen in ihrer Vielfalt den unverwechselbaren Charakter unserer Kupferstadt. Hierzu gehören in erster Linie die Kupferhöfe und Reitwerke, die in den Tälern von Vicht, Inde und Wehe in weitläufiger Verteilung angelegt wurden.

Industriearchitektur aus dem 19. Jahrhundert lässt den Einfluss der beginnenden Industrialisierung erkennen, die, von Westen sich ausbreitend, im Raum Aachen, Stolberg, Eschweiler deutsches Gebiet erreichte und hier entscheidend mit gestaltet worden ist. Herausragendes Anschauungsbeispiel für diese Epoche ist der Zinkhütter Hof. Das historisch authentische Bauensemble aus den 1830er Jahren und der museal aufbereitete Ausstellungsbestand stimmen den Besucher auf eine Zeitreise ein, die zurückführt zur Frühindustrialisierung des frühen 19. Jahrhunderts und darüber hinaus zur vorindustriellen Epoche der Kupfermeister.
![]() Museum Zinkhütter Hof Foto: F. Holtz |
Der Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit war gekennzeichnet durch einen grundlegenden Wandel in nahezu allen Kulturbereichen. Hierbei ist der Kulturbegriff in seinem allumfassenden Sinn zu verstehen, der neben Kunst, Religion, Geisteswissenschaft etc. auch die auf praktischen Nutzen abzielenden Kultursysteme wie Wirtschaft, Naturwissenschaft und Technik ausdrücklich mit einbezieht. Eine ebenfalls allumfassende Geistesbewegung führte zu völlig neuen Ideen, Vorstellungen, Auffassungen und letztlich zu einem neuen, modernen Weltbild, dessen Grundideen man später mit den Begriffen Renaissance, Aufklärung und Humanismus belegte.
Die jüngere Neuzeit wird häufig als "Neuere Zeit" bezeichnet, wobei als Schnitt- bzw. Übergangspunkt die Industrielle Revolution angenommen wird. Dies kann damit begründet werden, dass die Industrialisierung alle Lebensbereiche in hohem Maße beeinflusste und zu drastischen sozialen bzw. gesellschaftlichen Umwälzungen führte.
Andererseits benötigte der Übergang zur Industrialisierung keine grundsätzliche Änderung in der allgemeinen Geisteshaltung, sondern kann als Fortsetzung einer Entwicklung gesehen werden, deren Grundlagen bereits in der Renaissance gelegt wurden. Auch wenn frühkapitalistische Auswüchse mit den Ideen und Vorstellungen der Renaissance und des Humanismus kaum vereinbar waren, ist diese Auffassung durchaus vertretbar.
Im Mittelalter ist die Kirche mit ihren zahlreichen Klöstern über viele Jahrhunderte übermächtiger, nahezu alleiniger Träger, Bewahrer und Förderer von Kultur und Wissenschaften gewesen. Bei der Auseinandersetzung mit und der Beeinflussung von kulturellen Strömungen sowie bei der Fortentwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis erstrebten die kirchlichen Institutionen durchaus universalen Anspruch und beschränkten sich keineswegs auf theologisch- philosophische Aspekte.

Das Selbstverständnis dieser kirchlichen Kulturträger musste jedoch beinahe zwangsläufig zu einer Entweltlichung, zu einer Überbetonung des "Jenseitigen" führen. Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn konnte nur akzeptiert werden, wenn er mit dem absoluten Wahrheitsanspruch und mit der streng scholastischen, buchstabengetreuen Auslegung der Heiligen Schrift in Einklang stand.
Entwicklung in der darstellenden Kunst
Eine Hinwendung zum "Diesseits" fand zunächst Ausdruck
in der bildenden Kunst. Im Italien des beginnenden 15. Jh. entstand
die Auffassung, ein Kunstwerk solle ein möglichst
realistisches
Abbild einer perfekten (idealisierten) Wirklichkeit sein. Vorbild
waren hierbei die Werke der klassischen Antike mit ihrem Formenreichtum
und die aus ihnen sprechende menschliche Haltung.
![]() Giotto di Bondone: Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel. Fresco in der Cappella degli Scrovegni, Padua. Bildquelle: Google.de |
Das Streben der bildenden Kunst nach wirklichkeitsnahen Darstellungsformen führte um 1420 zur Entwicklung der Zentralperspektive durch den Florentinischen Architekten und Baumeister Fillipo Brunelleschi. Ein weiterer Künstler, nämlich Tommaso Cassai, genannt Masaccio, übernahm das Konstruktionsprinzip der Zentralperspektive und brachte es erstmals zur Anwendung. Mit seinem 1426/27 geschaffenen Fresko der Dreifaltigkeit in der Florentinischen Kirche Santa Maria Novella gelang ihm ein Werk, das durch seine Raumtiefe und durch die lebensnahe Darstellungsweise der Figuren die Malerei der Renaissance begründete. Die in dieser Darstellung durch konsequente Anwendung der Zentralperspektive erzielte Raumillusion war so neu und verblüffend, dass die zeitgenössischen Betrachter sich wunderten, wieso man in dieses Bild nicht hineingehen konnte.
![]() Masaccio, Fresco der Dreifaltigkeit. Florentinische Kirche Santa Maria Novella. Bildquelle: Google.de |
Die als Renaissance (Wiedergeburt) bezeichnete Stilrichtung
fand im weiteren Verlauf des 15. Jahrhunderts europaweite Verbreitung
und beeinflusste nicht nur die darstellenden Künste, sondern
wurde zum beherrschenden Faktor der
Nicht nur die lebensnahe Darstellung menschlicher Figuren und die Anwendung unterschiedlicher Techniken der Zentralperspektive, sondern auch der Versuch einer Erklärung und Begründung der geometrischen Konstruktionsprinzipien waren Ausdruck einer sich wandelnden Zeit. In der 1435 von dem Italienischen Architekten und Maler Leon Baptista Alberti veröffentlichten Publikation "De Pictura" (Über das Malen) findet sich eine allgemeine Beschreibung unterschiedlicher Techniken, die in bildlichen Darstellungen den Eindruck plastischer, dreidimensionaler Tiefe entstehen lassen. Insbesondere die geometrischen Formalismen der Konstruktionsmethoden stimmten durchaus mit der Idee einer generellen Naturgesetzlichkeit überein. Alberti versuchte auch, geometrische Konstruktionsmethoden zu finden, mit deren Hilfe sich die "Naturgesetzlichkeit" des menschlichen Körperbaus und seiner Proportionen ableiten ließen.

Aus ähnlicher Intention erstellte Leonardo da Vinci eine Skizze, die sich mit den Proportionen des menschlichen Körpers befasst und später unter dem Namen "Vitruvianischer Mensch" weltbekannt wurde. Diese etwas seltsame Bezeichnung bezieht sich auf den Architekten Marcus Vitruvius Pollio, der zur Zeit des antiken Roms in seiner Theorie des wohlgeformten Menschen bereits das ideale Verhältnis der Körperteile zueinander darlegte.
Die zur Erzielung von Wirklichkeitsnähe in der darstellenden Kunst erforderlichen bzw. hilfreichen Konstruktionsschemata entwickelten sich aus sorgfältiger Naturbeobachtung in Verbindung mit methodenbildender Generalisierung. Dieses in der bildenden Kunst der Renaissance höchst evidente Grundprinzip bestimmte in zunehmendem Maße das gesamte Weltbild der damaligen und auch der heutigen Zeit.
Neuer Denkansatz in der Wissenschaft
In den Wissenschaften wurde die bisher übliche theoretisch
philosophische Betrachtungsweise abgelöst durch Beobachtung
und Experiment und den sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen.
Auch hierin lässt sich eine Renaissance, eine Wiedergeburt
antiker Sichtweisen und Methodik erkennen. Viele Erkenntnisse
der antiken Welt, wie beispielsweise der von Archimedes als
naturgesetzliches
Theorem beschriebene Auftrieb von in Wasser befindlichen
Gegenständen,
beruhten ganz offenkundig auf Naturbeobachtung.
![]() Heliozentrisches Weltbild des Kopernikus, um 1660. Bildquelle: Google.de |
Neben den "großen" Entdeckungen brachte diese Zeit aber auch Erkenntnisse und Erfindungen von höchst praktischem Wert hervor. Die kühnen Entwürfe des genialen Künstlers und begnadeten Ingenieurs Leonardo da Vinci blieben zwar oft visionär, deuteten aber bereits den Einzug moderner technischer Einrichtungen in die Alltagswelt an. Eine Vielzahl europäischer Autoren publizierten in rascher Folge Abhandlungen mit realem, praktischem Hintergrund.

Der Arzt und Philosoph Theophrastus Paracelsus (1493-1541) erkannte beispielsweise die Bedeutung physikalischer und chemischer Zusammenhänge als Grundlage alles Lebendigen und betrachtete in seiner neu postulierten Heilkunde die Förderung der Selbsthilfe der Natur als ärztliche Hauptaufgabe. Auch vorhandenes empirisches Wissen, das schlussendlich ebenfalls auf Beobachtung und Erfahrung beruht, wurde Gegenstand des allgemeinen Interesses.
![]() Georg Agicola, in Agricola, G. (1556): De re metallica libri XII |
Renaissance und Technikentwicklung
Die in der Frührenaissance entwickelten pragmatischen
Denkansätze
sowie die allgemeine Aufgeschlossenheit gegenüber technischer
Neuerungen führten dazu, dass man technische Schwierigkeiten,
die teilweise schon seit längerem bestanden, erstens als
solche erkannte und man sich zweitens um deren Überwindung
systematisch zu kümmern begann.
Obschon die Entwürfe eines Leonardo da Vinci bezüglich der technischen bzw. praktischen Ausführung teilweise visionär blieben, waren sie letztlich Ausdruck eines neuen naturwissenschaftlichen Denkens. Diese Denkweise war geprägt von der Erkenntnis, dass die Natur - sieht man vom freien Willen des Menschen ab - determiniert ist und allgemeinen Gesetzen unterliegen müsse. Somit mussten Naturphänomene nicht nur erklärbar und vorhersehbar sein, sondern bei entsprechenden apparativen Einrichtungen zum Nutzen der Menschen einsetzbar sein.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass man im Berg- und Hüttenwesen mechanisch- technische Einrichtungen wie Wasserräder, Pumpen etc. als "Künste" bezeichnete. Dies deutet darauf hin, dass man zwischen Kunst und künstlich, also zwischen den "Schönen Künsten" und der praktischen Kunst sehr viel weniger differenzierte als heute. Diese Auffassung spiegelt sich im Werk des Leonardo da Vinci nahezu idealtypisch wider.
Die damals in enger Wechselbeziehung zueinander stehenden Kulturbegriffe Kunst, Naturwissenschaft und Technik verschmolzen in der Person des Leonardo da Vinci zu allumfassender Genialität. Seine anatomischen Studien, die auf das (damals verbotene) Sezieren von Leichen basierten, dienten nicht nur dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, sondern zugleich der wirklichkeitsnahen Darstellung des menschlichen Körpers in der bildenden Kunst.
![]() Kehrrad, in Agricola, G. (1556): De re metallica libri XII |
Während der mittelalterliche Handwerker seine Produkte noch in Einzelfertigung herstellte, setzten sich nun arbeitsteilige Fertigungsmethoden durch. Komplizierte Arbeitsabläufe wurden in einzelne Arbeitsgänge zerlegt, die von spezialisierten, teilweise nur angelernten Arbeitskräften ausgeführt werden konnten. Die arbeitsteiligen Fertigungsmethoden führten zu beträchtlichem Produktivitätszuwachs und zu Betriebsformen, deren Größe den Einsatz kapitalintensiver Einrichtungen wirtschaftlich vertretbar bzw. lukrativ machte.
Durch die konsequente Anwendung arbeitsteiliger und (teil-) mechanisierter Fertigungsprinzipien entwickelten sich höchst produktive Manufakturen und Verlagssysteme. Während im Falle der Manufaktur die einzelnen Arbeitsschritte innerhalb einer einzigen Betriebsstätte zur Ausführung kamen, wurden bei Verlagssystemen die einzelnen Arbeitsschritte in Auftrag des Verlegers in Heimarbeit durchgeführt. Hierzu stellte der Verleger Rohstoffe bzw. Halbfertigprodukte zur Verfügung und nahm später auch die (teil-) gefertigten Produkte ab.
Die sozialen Auswirkungen, die sich durch die Einführung moderner Fertigungsmethoden und insbesondere während der Zeit der Frühindustrialisierung ergaben, verstellen uns heute den Blick dafür, dass diese Entwicklung mit einem weiteren, tiefgreifenden Einschnitt verbunden war, der die Lebensumstände dauerhaft beeinflussen sollte.
![]() Uhr als Taktgeber des modernen Lebens. Foto: F. Holtz |
Sowohl arbeitsteilige Produktionsverfahren als auch Maschinen und Anlagen, die von mehreren Arbeitskräften gleichzeitig bedient werden mussten, setzten nunmehr gleiche Arbeitszeiten für ganze Gruppen bzw. für ganze Belegschaften zwingend voraus. Der Blick zum Himmel wurde also abgelöst durch den Blick zur Uhr, die in zunehmendem Maße den Tagesablauf bestimmte. Der Sachzwang strikt geregelter allgemeiner Arbeitszeiten wurde subjektiv auch als lästige Disziplinierungsmaßnahme empfunden.
Mit der Weiterentwicklung eines nach festen, minutengenauen Fahrplänen betriebenen Verkehrswesens setzte die Uhr sich als Taktgeber nicht nur in Arbeiterkreisen, sondern ganz allgemein durch. Der Blick zur Uhr bestimmt auch heute noch unseren Lebensrhythmus und erst die Einführung der Gleitzeit erlaubt in jüngerer Zeit für einen begrenzten Teil der Bevölkerung wieder einen in bescheidenem Maße individuell gestalteten Tagesablauf.
![]() Handgeschmiedete Nägel, erkennbar am viereckigen, mehr oder weniger quadratischen Querschnitt der Schäfte. Foto: F. Holtz |
Der durch Renaissance und Aufklärung geprägte allgemeine Zeitgeist mit dem Trend zur Nutzung von Mechanisierungspotenzialen jedweder Art sowie der Anwendung neuer Fertigungsmethoden in Verbindung mit dem verstärkten Einsatz der Wasserkraft drückt sich in hohem Maße auch in der Geschichte des hiesigen Messinggewerbes aus.
![]() Kerzenleuchter, getriebenes Messingblech aus Dinant, in der alten Abteikirche Kornelimünster. Foto: F. Holtz |
Der blühende Wirtschaftraum um Dinant fand seinen Niedergang im Jahre 1466 nachdem die Bürger Dinants sich in stolzer Selbstüberschätzung auf kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Herzog Philipp von Burgund und seinem Sohn, dem späteren Karl dem Kühnen, eingelassen hatten. Hierbei wurde Dinant völlig zerstört. Die überlebenden, plötzlich mittellos gewordenen Batteurs wanderten nach allen Richtungen aus, unter anderem auch in die freie Reichsstadt Aachen.
![]() Haushaltsgefäß aus Messing Foto: K. Heymann |
Die mit Messingprodukten erzielte Marktakzeptanz hatte jedoch auch ganz praktische Gründe. Das in großen Stückzahlen hergestellte Messinggerät war deutlich leichter, sehr viel handlicher und vor allen Dingen weniger zerbrechlich als Töpferwaren, die zunehmend vom Markt verdrängt wurden, was für die Gilde der Töpfer in Raeren, Langerwehe und Frechen allerdings fatale Konsequenzen hatte.
Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wanderten die fast ausschließlich protestantischen Aachener Kupfermeister nach Stolberg aus, was häufig mit der einsetzenden Gegenreformation und den daraus resultierenden Repressalien, also mit ausschließlich religiöser Motivation begründet wird. Wie bereits angedeutet, eroberten die in Aachen als Gebrauchsgegenstände des täglichen Bedarfs hergestellten Messingwaren neue Märkte, fanden guten Absatz und mussten in großen Stückzahlen hergestellt werden.
Wenn man nun bedenkt, dass nach dem Brennen des Messings zunächst relativ dicke Platten gegossen wurden, die bei der Herstellung von Fertigprodukten in den sogenannten Latschmühlen auf Blechstärke ausgehämmert werden mussten, so ist sofort einsichtig, dass eine Mechanisierung dieses Aushämmerns sicherlich sehr vorteilhaft gewesen wäre. Hierzu hätte es allerdings mechanischer Antriebskraft bedurft, die sich in ausreichender Menge eigentlich nur aus der Wasserkraft der Bachläufe gewinnen ließ. Nun wurde dieses Wasser jedoch bereits völlig von anderen Gewerbezweigen (von den Tuchmachern beispielsweise) genutzt. Es bestand sogar ein Verbot, wassergetriebene Hammerwerke zum Austreiben des Messings zu errichten bzw. zu betreiben.

Dieses Verbot schützte einerseits die Privilegien (Wassergerechtsame) der Tuchmacher und andererseits die Existenz der Kessler oder Kupferschläger. Letztere waren in einem zunftähnlichen Ambacht organisiert und hatten natürlich ein Interesse daran, dass die Kupfermeister zwar Messing und möglicherweise auch Messingblech, aber eben nicht Fertigwaren herstellten.
Die Zwänge, die sich aus dem Verbot der Wasserkraftnutzung und aus der Ambachtsituation der Kessler ergaben, behinderten die Weiterentwicklung des Messinggewerbes ganz erheblich und waren weder mit der Idee liberaler Wirtschaftssysteme vereinbar, noch entsprachen sie der in zunehmendem Maße erhobenen Forderung nach mechanisierten Arbeitsabläufen.
Im Stolberger Tal stellte sich die Situation gänzlich anders dar als in Aachen. Die Wasserkraft des Vichtbaches wurde nur am Oberlauf von den Eisenhüttenleuten, den sogenannten Reitmeistern, genutzt und stand im mittleren bzw. unteren Talabschnitt noch weitgehend zur freien Verfügung.

Neben der Wasserkraft bot der Großraum Stolberg auch Steinkohle zum Beheizen der Öfen und der zur Messingherstellung besonders wichtige Galmei. Fernerhin ließ sich aus den anfangs reichlich, später jedoch nur noch spärlich vorhandenen Buchenwaldbeständen der nahen Eifel die erforderliche Holzkohle gewinnen.
Auf Grund der offenkundig sehr günstigen Standortbedingungen im Stolberger Tal wird man unterstellen können, dass bei der Abwanderung der Kupfermeister von Aachen nach Stolberg nicht nur das Streben nach Religionsfreiheit eine Rolle gespielt hat, sondern unternehmensstrategische Erwägungen entscheidend gewesen sind. Als erster Stolberger Kupfermeister kam Leonhard Schleicher 1572 nach Stolberg, zu einer Zeit also, als die protestantischen Kupfermeister den Stadtrat im katholischen Aachen noch majorisierten. Für Leonhard Schleicher muss also die wirtschaftliche Attraktivität des Standortes im Stolberger Tal entscheidend gewesen sein.
![]() Adler Apotheke in der Burgstraße, ehemals Kupferhof des Leonhard Schleicher. Foto: Axel Pfaff |
![]() Drücken einer Messingschale. Foto: Stolberger Metallwerke |
Mit dem Verfahren des Metalldrückens wurden ein deutlich höherer Mechanisierungsgrad und eine erheblich höhere Produktivität erreicht, als dies in den vorher üblichen Tiefmühlen der Fall gewesen war. Auch hier lassen sich wieder charakteristische Merkmale der Industrialisierung erkennen. Im Vergleich zum "Freihandformen" in den Tiefmühlen, gewährleistete die fest vorgegebene Geometrie des Modells eine sehr viel höhere Gleichförmigkeit der Produkte. Außerdem konnte der Zeitaufwand pro Produktionseinheit durch die Einführung der Drückbänke erheblich reduziert werden. Hierdurch waren die Voraussetzungen für eine Großserienfertigung gegeben, die für das Industriezeitalter ebenfalls kennzeichnend und typisch war.
Übergang zur Industrialisierung
Die Methode der Arbeitsteilung zur Steigerung der Produktionsleistung
war nicht nur Ergebnis einer stetigen Entwicklung, sondern wurde
in zunehmendem Maße auch Grundlage unternehmensstrategischer
Konzepte und letztlich auch Basis einer neuen Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung. Besonders deutlich wird diese
gesellschaftspolitische
Grundhaltung in dem epochemachenden Werk "An inquiry into
the nature and causes of the wealth of nations", welches
1776 von dem englischen Wirtschaftstheoretiker Adam Smith publiziert
wurde.
Der Umstand, dass diese Arbeit von einem Engländer verfasst wurde, ist deshalb bezeichnend, weil sowohl der technische als auch der gesellschaftliche Umbruch, mit dem man heute die Industrielle Revolution verbindet, auf den britischen Inseln begann.
Der Übergang von einer feudalistisch geprägten Privilegienwirtschaft zu einem liberalen Wirtschaftssystem, welches vorwiegend von einem erstarkenden Bürgertum getragen wurde, begann in England bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert. Die Abschaffung von Zunftzwängen und Zollbarrieren sowie die Entfaltung eines freien Wettbewerbs führten in Verbindung mit neuen Produktionsmethoden zu einem gewaltigen Wirtschaftsaufschwung und beschleunigte letztlich auch die technologische Entwicklung. Ein nicht unerheblicher Beitrag zum technischen Fortschritt lieferte der naturwissenschaftliche Erkenntnisgewinn, der sich seit der Zeit der Hochrenaissance in zunehmendem Maße einstellte.
Eine vergleichbare Entwicklung, die auch hier sowohl die gesellschaftlichen Strukturen als auch den technologischen Fortschritt beeinflusste, vollzog sich im kontinentalen Europa erst als Folgeerscheinung der Französischen Revolution von 1789. Im Vergleich zu England stellte sich der gesellschaftliche Umbruch im westlichen Kontinentaleuropa somit deutlich später ein. Für das englische Wirtschaftssystem ergab sich hieraus ein entscheidender Technologievorsprung. Die Mehrzahl der bahnbrechenden technischen Entwicklungen, die letztlich die Industrielle Revolution ausmachten, gingen von England aus und eroberten, teilweise unterstützt durch Wirtschaftsspionage, den Kontinent. Allerdings zeigte sich das hässliche Gesicht des Frühkapitalismus gerade in England ganz besonders deutlich.
![]() Allianzwappen der Kupfermeisterfamilien Peltzer und Schleicher. Foto: F. Holtz |
Die Arbeiterschicht geriet sehr bald in wirtschaftliche Abhängigkeiten, die im Ergebnis ähnlich schlimm waren wie die Leibeigenschaft im überwundenen Feudalismus. Im günstigsten Fall trug das Verhalten der Unternehmer patriarchalische Züge, wobei auch bei fürsorglichem Führungsstil der Anspruch einer alleinigen und absoluten Entscheidungskompetenz in allen Belangen außer Frage stand.
![]() Kupfermeisterfriedhof Foto: Video-Produktion Karl Irle |
![]() Finkenbergkirche. Foto: F. Holtz |
Nicht nur die schiere Größe der Grabplatten, sondern auch deren Gestaltung und insbesondere der Wappenschmuck zeugen von Selbstwertgefühl und sozialer Stellung der Kupfermeisterfamilien. Bezüglich des Standortes der Finkenbergkirche wird gelegentlich die Vermutung geäußert, dass die standesbewussten Kupfermeister ihr Gotteshaus nicht zufällig, sondern mit Bedacht gegenüber der Burg und auf gleicher Augenhöhe mit dem Burgherrn errichteten.
Auch die Bauformen der unterschiedlichen Kupferhöfe lassen die soziale Stellung und das Selbstbewusstsein der Kupfermeisterfamilien erkennen. Ursprünglich (um 1600) wurden die Kupferhöfe noch als einfache, zweckmäßige Hofanlagen errichtet, deren Gebäude üblicherweise um einen allseitig geschlossenen Innenhof gruppiert waren. Diese festungsartige Bauform entsprach den Bedürfnissen der unruhigen Epoche des Dreißigjährigen Krieges.
Die Kupferhöfe, die etwa 100 Jahre später, also um 1700 entstanden, zeigen bezüglich Architektur, Bauausführung und Gestaltung ein völlig anderes Bild. Das Konzept der geschlossenen Hofanlage wurde abgelöst durch eine meist dreiflügelige, repräsentative Herrenhausarchitektur. Die Höfe Grünenthal und Rosental beispielsweise lassen sich hinsichtlich Architektur und Gestaltung durchaus mit Adelssitzen vergleichen und dokumentieren einen ganz augenfälligen und erstaunlichen Wandel im Lebensstil und im Selbstverständnis der wirtschaftlich äußerst erfolgreichen Kupfermeister.

Die in der frühen Neuzeit einsetzende und rasch fortschreitende Mechanisierung von Produktionsprozessen aller Art in Verbindung mit den daraus resultierenden Bedürfnissen und technischen Notwendigkeiten leiteten um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ökonomische und soziale Umwälzungen ein, die man später mit dem Begriff "Industrielle Revolution" belegte. Mit der Entwicklung von Spinnmaschinen und mechanischen Webstühlen entstanden Produktionsstätten, die man mit Fug und Recht als Fabriken bezeichnen konnte. Aber nicht nur in der Textilindustrie, sondern in nahezu allen Produktionsbereichen setzten sich Maschinen durch, die eine Mechanisierung der Arbeitsabläufe erlaubten. Voraussetzung für den Betrieb derartiger Produktionsanlagen war natürlich die Bereitstellung entsprechender Antriebskraft.
![]() Foto: F. Holtz |
Dampfkraft und Dampfmaschinen
Zur Lösung dieses Problems hatte man sich schon seit
längerer
Zeit auf die Nutzbarmachung der Dampfkraft konzentriert. Bereits
im 18. Jahrhundert fanden einfache Dampfmaschinen, die von Thomas
Newcomen entwickelt worden waren, im Bergbau Verwendung.
![]() Dampfmaschinen der Erzgrube Diepenlinchen um 1900 (Gesamtleistung 3200 PS) Privatarchiv W. Hamacher |
Interessanterweise kamen Dampfmaschinen zunächst vorwiegend im Steinkohlenbergbau (hauptsächlich als Wasserhaltungsmaschinen) zum Einsatz. Man setzte also Steinkohle ein, um immer noch mehr Steinkohle auch zum Betrieb eben dieser Wasserhaltungsmaschinen zu fördern. Sehr bald schon eroberte die Dampfmaschine auch die Erzbergwerke und fand ganz allgemein als Antriebsaggregat in allen Bereichen der Produktion und Fertigung Verwendung. Die Dampfmaschine wurde somit zum Symbol, fast schon zum Synonym für die Industrielle Revolution.
![]() Herrenkunst Eschweiler Pumpe |
Während der späteren Betriebsjahre wurde die Antriebsleistung der Wasserräder durch den Einsatz von Dampfmaschinen unterstützt bzw. verbessert. Hierzu war im Jahr 1794 in unmittelbarer Nachbarschaft die erste Dampfmaschine in unserer Region aufgestellt worden.
Eine ähnliche Wasserkraftanlage wurde um 1500 im heutigen Berthold-Wolff-Park an der Rhenaniastraße an der Stelle errichtet, wo sich heute die restaurierten Glühöfen befinden. Diese sogenannte Atscher Pumpe diente ursprünglich der Entwässerung des Steinkohlenfeldes der Atscher Grube.
Unter Verwendung des vorhandenen Weihers und der Mühlgräben (Kunstgefälle) wurde die Anlage um 1800 so modifiziert, dass sie als zentrales Antriebsaggregat eines neuen Messingwerkes, der Atscher Mühle, eingesetzt werden konnte. Hier wurde auch das erste Messingwalzwerk in Stolberg errichtet.
Eine weitere Wasserradanlage war die Birkenpumpe (auch großes Rad genannt), die in den 1650er Jahren zur Entwässerung der Steinkohlengrube Birkengang gebaut wurde. Standort dieser Anlage war der Verbindungsweg zwischen Frankentalstraße und Eschweiler Straße, der auch heute noch "Am Großen Rad" genannt wird.
![]() Ehemaliges Pumpenhaus der James Grube. Foto: F. Holtz |
Obschon der Einsatz von Dampfmaschinen eine notwendige und entscheidende Voraussetzung für die Industrielle Revolution war, hat es eine weitere technologische Umwälzung gegeben, welche die zukünftige Entwicklung in ähnlicher Weise beeinflusst hat wie die Dampfkraft. Diese neue Technologie bezog sich auf die Verwendung von Steinkohle bzw. Koks in der Metallurgie und war letztlich von ungeahnter Tragweite.
Wie bereits erwähnt, standen - auf Grund der Gegebenheiten in den Bergwerken - Dampfmaschine und Steinkohle in enger Wechselbeziehung zueinander. In früheren Zeiten, als man sich noch mit der Wasserkraft begnügen musste, hatte Steinkohle nur einen vergleichsweise geringen Gebrauchswert, da sie zur Verwendung in Metallhütten nicht geeignet war.
Einsatz von Kohle im Hochofenprozess
Bei Verhüttungsprozessen spricht man häufig von einem
Ausschmelzen der Metalle aus dem Erz. Diese umgangssprachliche
Ausdrucksweise entspricht kaum dem tatsächlichen Prozessablauf
und ist eigentlich sogar irreführend, da die im Erz
enthaltenen
Metalle normalerweise nicht in ihrer elementaren Form, sondern
als Metalloxide vorliegen. Die Metalloxide müssen
zunächst
also chemisch umgewandelt werden. Mit anderen Worten: die chemische
Verbindung zwischen Metall und Sauerstoff musste aufgebrochen
werden, so dass die Metalle in ihrer Reinform freigesetzt wurden.
Unter Verwendung von Holzkohle wurde das Erz auf über 1000 oC erhitzt. Hierbei konnte der im Erz gebundene Sauerstoff mit dem Kohlenstoff der Holzkohle reagieren, wobei als Reaktionsprodukt einerseits das Reinmetall entstand und andererseits Kohlendioxid bzw. Kohlenmonoxid gebildet wurde. In der Fachsprache ist dieser Vorgang mit dem Begriff "Reduktion" belegt und der als Reaktionspartner wirkende Kohlenstoff wird Reduktionsmittel genannt.
![]() Hochofen in Zweifallshammer, Kalltal, Foto: H. Schreiber |
![]() Galmei aus dem Steinbruch Bernardshammer. Sammlung u. Foto: F. Holtz |
Hierzu wurden Kupferstücke, Galmeierz und Holzkohle in einen Tiegel gegeben, wobei das Galmeierz mit Hilfe der Holzkohle zu Zink reduziert wurde, welches sich dann mit dem Kupfer zu Messing legierte. Anders als bei den Hochöfen musste der eingesetzte Brennstoff nicht notwendigerweise gleichzeitig als Reduktionsmittel dienen, sondern es konnten durchaus verschiedene Stoffe entsprechend ihrer Zweckdienlichkeit für den jeweiligen Verwendungszweck herangezogen werden. Somit konnten die Beheizung der Tiegel und der eigentliche Betrieb der Messingöfen mit Brennstoffen jedweder Art, also auch mit Steinkohle erfolgen. Lediglich das in den Tiegeln eingesetzte Reduktionsmittel, das einen nur verschwindend geringen Anteil ausmachte, musste aus Holzkohle bestehen.
![]() Reimeisterhaus in Zweifall. Foto: F. Holtz |
Hieraus ergab sich im Stolberger Wirtschaftsraum schon in vorindustrieller Zeit ein gewaltiger Steinkohlenbedarf, der einen entsprechenden Einfluss auf die Entwicklung des Steinkohlenbergbaus hatte. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts beispielsweise sind die Kupfermeister jährlich mit 7.500 zweispännigen Karren zu je 40 Ztr. beliefert worden, was einer Gesamtjahresmenge von 15.000 t. entsprach.
![]() Christine Schacht, Birkengang Zeichn. A. Kohlhaas |
Zum Betrieb der im 19. Jahrhundert entstandenen Zink- und Bleihütten waren Erzmengen erforderlich, die nur durch den Ausbau der Erzgruben zur Teufe hin eingewonnen und gefördert werden konnten. Hieraus ergab sich eine zunehmend aufwändig werdende Wasserhaltung, die nur durch leistungsstarke Dampfmaschinen und durch den Einsatz entsprechender Steinkohlemengen bewerkstelligt werden konnte.
![]() Erzgrube Diepenlinchen Ölgemälde von F. Hüllenkremer |
Die Relevanz dieses Arrangements wird deutlich, wenn man die Betriebsverhältnisse in der Erzgrube Diepenlinchen betrachtet. In den letzten Betriebsjahren (Grubenschließung 1919) überstieg die Gewichtsmenge der zur Wasserhaltung eingesetzten Kohle die Erzfördermenge ganz erheblich.
Die durch den Einsatz von Koks in den Hochöfen erzielte Verfügbarkeit von Eisen und Stahl als Massengüter ermöglichte den Bau leistungsfähiger Maschinen, u.a. auch die Großserienfertigung von Dampfmaschinen. Die Entwicklung der Eisenbahnen und die Erstellung von großräumigen Schienennetzen wären gleichfalls ohne billiges, massenhaft verfügbares Eisen bzw. Stahl undenkbar gewesen. Das zunehmend dichter und weiträumig werdende Eisenbahnnetz führte einerseits zu einem immer weiter steigenden Bedarf an Eisen und Stahl und andererseits zu einer Revolution des Verkehrswesens. Die Eisenbahn sorgte für einen regen Austausch von Wirtschaftsgütern zwischen den in unterschiedlichen Regionen entstehenden Industriezentren.

Hieraus ergaben sich nicht nur rein ökonomische Vorteile. Günstige Transportmöglichkeiten waren auch Grundvoraussetzung für die zunehmend komplexer werdenden Fertigungsprozesse, zu deren Betrieb häufig Grund- und Hilfsstoffe aus unterschiedlichen Regionen erforderlich waren.
Die schon für die frühe Industrialisierung typischen gegenseitigen technologischen Wechselbeziehungen und Interdependenzen, die im Laufe der Zeit noch enger und verzweigter wurden, lassen sich auch am Beispiel der Hochofentechnologie erkennen. Auf Grund der steigenden Nachfrage nach Eisen und Stahl kamen zunehmend größere Hochöfen zum Einsatz. Dies wurde erst möglich, nachdem dampfbetriebene Gebläse für eine entsprechende Luftzufuhr sorgten.
Die erste ausschließlich mit Koks betriebene Eisenverhüttung wurde 1735 im englischen Coalbrookdale durch Abraham d.Ä. und Abraham d.J. Darby (Vater und Sohn) realisiert. Dieses neue Produktionsverfahren setzte sich jedoch nur relativ langsam durch und verdrängte die Holzkohlehochöfen erst im Laufe des 19. Jahrhunderts.
![]() Junkershammer. Foto: F. Holtz |
Andere Eisenhüttenwerke der Region, wie beispielsweise die Eschweiler Concordia oder das Aachener Hüttenwerk Rothe Erde setzten zum Betrieb ihrer Hochöfen im 19. Jh. natürlich die neue Kokstechnologie ein.
Anfänglich bediente man sich bei der Herstellung von Koks eines Verfahrens, das man zur Gewinnung von Holzkohle schon über Jahrhunderte eingesetzt hatte. Diese einfachen Meiler bestanden aus aufgehäufter Steinkohle, die mit einer Abdeckung aus Erde und trockenen Laub abgedeckt war. Ausgehend von einem mittig angeordneten Feuerschacht wurde die Kohle alsdann unter Luftabschluss erhitzt und verschwelt.
Da sich bei Anwendung dieser Methode einige Steinkohlequalitäten nicht oder weniger gut verkoken ließen, kam es zur Entwicklung spezieller Bienenkorb- und später auch Schachtöfen bzw. Ofenbatterien, mit deren Hilfe ein breiteres Sortiment von Steinkohlearten zu Koks verarbeitet werden konnte.
Großchemie und Produktdiversifikation
Um 1900 setzte eine weitere Entwicklung ein, die für das
breite Feld der Kohlechemie entscheidende Impulse lieferte. Man
versuchte nämlich, die bei der Verkokung freiwerdenden Gase
zur Herstellung von Leuchtgas zu nutzen. Bei der Verkokung von
Steinkohle entstanden nicht nur Leuchtgas und Koks, sondern vor
allem auch Teer, der zunächst als lästiges
Abfallprodukt
anfiel. Im Gas enthaltene Teerrückstände mussten
sorgfältig
entfernt werden, da sie ansonsten die Gasleitungen verstopft
hätten.
Im Rohgas war fernerhin Schwefelwasserstoff enthalten, der beim
Verbrennen ätzendes Schwefeldioxid bildete. Des weiteren
musste Ammoniak aus dem Rohgas entfernt werden, da diese stechend
riechende Substanz bei der Verbrennung des Gases toxische Stickoxide
freisetzte.
Die Nutzbarmachung der bei der Verkokung von Steinkohle anfallenden Gase setzte also die Entwicklung geeigneter Reinigungsprozesse für das Rohgas voraus. Die ursprünglich nur als lästig empfundenen Abfallprodukte (insbesondere Teer und Ammoniak) sollten nur wenig später zu wertvollen Grundstoffen werden, welche die Entwicklung der chemischen Industrie entscheidend beeinflussten. Während Ammoniak u.a. bei der späteren Herstellung von Solvay-Soda eine bedeutende Rolle spielte, wurde Teer zum wichtigsten Grundstoff für einen völlig neuen, hoch komplexen und weit verästelten Industriezweig, der sogenannten Teerchemie.
Die wissenschaftliche Untersuchung des Steinkohlenteers wurde 1833 durch Friedlieb Ferdinand Runge eingeleitet. Durch fraktionelle Destillation (Zerlegung des Teers in Bestandteile mit unterschiedlichen Siedepunkten) entdeckte er u.a. Phenol sowie Anilin. Beide Substanzen sind wichtige Ausgangsstoffe für eine Vielzahl technischer Verbindungen, die beispielsweise zur Herstellung synthetischer Farbstoffe und Arzneimittel Verwendung finden.
Rückblickend lässt sich sagen, dass die zum Betrieb der Hochöfen erforderliche Verkokung von Steinkohle einen ähnlichen, wenn nicht sogar nachhaltigeren Einfluss auf die Industrialisierung genommen hat, als die symbolträchtige und spektakuläre Dampfkraft.
Eine ebenfalls enge und komplexe Verzahnung von Haupt-, Folge- und Koppelprodukten ergab sich im Stolberger Raum aus einem ganz anderen Zusammenhang.
![]() Schalenblende, Erzgrube Hammerberg. Sammlung u. Foto: F. Holtz |
Während die metasomatisch umgebildeten Erze direkt verhüttet werden konnten, mussten die Primärerze zunächst geröstet werden. Bei Temperaturen um 800 oC und unter Zufuhr von Luftsauerstoff bildeten sich einerseits Metalloxide, die zur Verhüttung geeignet waren, und andererseits gasförmiges Schwefeldioxid. Letzteres gelangte zunächst in die Atmosphäre, wo in Verbindung mit der Luftfeuchtigkeit Schwefelsäure entstand. Hieraus ergab sich ein ernstes Umweltproblem, denn in unmittelbarer Nähe der sogenannten Rösthütten waren Grashalme schon eine Seltenheit, von Bäumen oder Sträuchern ganz zu schweigen. Aber auch in weiterem Umkreis traten, je nach bevorzugter Windrichtung, erhebliche Vegetationsschäden auf, so dass die Betreiber sich gezwungen sahen, beträchtliche Entschädigungszahlungen zu leisten.
![]() Bleihütte Binsfeldhammer, Teil der Schwefelsäure-Anlage. |
Bereits 1850 versuchte Friedrich Wilhelm Hasenclever in seiner neu gegründeten Waldmeisterhütte durch den Einsatz von geeigneten Öfen, das bei der Röstung von Zinkblende freiwerdende Schwefeldioxid aufzufangen und nutzbar zu machen, was jedoch über Jahrzehnte nur unbefriedigend gelang.
![]() Friedrich Wilhelm Hasenclever, Archiv H. Beckers, Eilendorf. |
Die Entwicklung der Röstöfen und die Optimierung der Schwefeldioxidausbringung waren für die Umweltverträglichkeit der Metall-, in unserem Fall insbesondere der Zinkverhüttung von hoher Relevanz. Bei der Herstellung von 100 kg Zink aus sulfidischer Zinkblende wurden 98 kg Schwefeldioxid freigesetzt, dessen Eintrag in die Atmosphäre nur durch den Einsatz von geeigneten Röstöfen verhindert werden konnte. Diese Schwefeldioxidmenge entspricht unter Normalbedingungen (20 oC. und 1 bar) einem Volumen von 41 Kubikmeter. Betrachtet man die reinen Volumenverhältnisse, so ergibt sich bei der Verhüttung sulfidischer Zinkerze eine Volumenrelation zwischen Zink und Schwefeldioxid von etwa 1:3000.
![]() Der Lange Hein in Münsterbusch |
Obschon die Entwicklung und Optimierung der Röstprozesse für die Umwelt in hohem Maße segensreich gewesen sind, hatten die diesbezüglichen Anstrengungen eine vorwiegend wirtschaftliche Intension. Die anfallende Schwefelsäure konnte nämlich zur Herstellung von Soda nach dem sogenannten Leblanc-Verfahren eingesetzt werden. Und diese Soda wiederum war ein höchst wichtiges, für eine Vielzahl weiterer Industriezweige unabdingbares Schlüsselprodukt. So wurde Soda in großen Mengen als Flussmittel in der Glashüttenindustrie eingesetzt.
![]() Chemische Fabrik Rhenania um 1940, Bildquelle: Rüsberg (1949). |
Seife und Waschmittel zählten zu Anfang des 19. Jahrhunderts auf Grund der hohen Kosten noch zu den Luxusgütern, eroberten aber riesige Absatzmärkte, da man sie in entsprechenden Mengen unter Verwendung von preiswerter Soda produzieren konnte.
Fernerhin lieferte der Leblanc Sodaprozess seinerseits eine Vielzahl von Folgeprodukten, die in unterschiedlichsten chemischen Prozessen zum Einsatz kamen. Hierzu gehörten u.a. Salzsäure, Chlorkalk, Natronlauge und Ätznatron.
![]() Schwefelkies aus der Erzgrube Zufriedenheit. Sammlung u. Foto: F. Holtz |
Dieser Schwefelkies (Eisensulfid) eignete sich kaum zur Verhüttung und verblieb entweder als nicht förderwürdiges Erz im Gebirge oder fiel bei der Aufbereitung von Zink- Bleierzen als Abfallprodukt an. Gelegentlich konnte mit dem Rösten der zur Verhüttung vorgesehenen Erze der Bedarf an Schwefelsäure nicht gedeckt werden. In diesen Fällen wurde auch der ansonsten wertlose Schwefelkies gefördert und abgeröstet, wobei als verwertbares Röstprodukt nur noch das zur Sodaherstellung erforderliche Schwefeldioxid Verwendung fand.
![]() Robert Hasenclever, Archiv H. Beckers, Eilendorf. |
Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde das Leblanc-Verfahren von dem energetisch sehr viel günstigeren Solvay-Verfahren abgelöst. Auch bei der Rhenania beschäftigte man sich bereits in den 1860er Jahren mit dem neuen Solvay-Prozess. Der Chemiker und damalige Betriebsleiter Moritz Honigmann hatte dort eine entsprechende Anlage zur Herstellung von Ammoniak-Soda im Labormaßstab entwickelt.
Da die Firmenleitung jedoch den Bau einer Solvay-Produktionsanlage innerhalb der Rhenania ablehnte, gründete Honigmann 1870 die erste deutsche Ammoniaksoda-Fabrik in Würselen. Der Hauptgrund für die Beibehaltung des Leblanc-Prozesses in der Rhenania war der Umstand, dass bei der Anwendung des Solvay-Verfahrens Ammoniak statt Schwefelsäure benötigt wurde, wobei letzteres (in Stolberg jedenfalls) in sehr viel geringerem Maße verfügbar war. Außerdem hatte man der Stolberger Blei- und Zinkhüttenindustrie weitreichende Abnahmegarantien für Schwefelsäure gegeben, und sah sich somit gezwungen, die Soda nach dem alten, energetisch weniger effektiven Leblanc-Verfahren herzustellen. Der Leblanc-Prozess schien also passgenau auf die hiesigen Gegebenheiten zugeschnitten und kam in Stolberg bis zum zweiten Weltkrieg zur Anwendung.
Auch in der einzigen in Stolberg noch verbliebenen Metallhütte, der Bleihütte Binsfeldhammer (Berzelius) fällt nach wie vor Schwefelsäure an, die heute jedoch hauptsächlich in der Kunststoffindustrie Verwendung findet.
![]() QSL Reaktor Foto: Berezelius Stolberg |
Das besondere bei diesem Verbrennungsprozess ist, dass keinerlei CO2, sondern Schwefeldioxid entsteht, das zu 99,9 % aufgefangen, und zur Herstellung von Schwefelsäure genutzt wird. Der QSL-Prozess erlaubt also nicht nur eine CO2-freie Energiegewinnung, sondern ebenfalls eine extrem CO2-arme Verhüttung der Erze. Angesichts der heutigen Klimadiskussionen ist dieser verfahrensbedingte Vorteil von hoher Bedeutung.
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