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Wortlaut des Gedichtes

Textanalyse

 

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Die Kölner Heinzelmännchen.

 

Bereits beim flüchtigen Durchlesen des Gedichtes bemerkt man innerhalb der einzelnen Strophen einen auffälligen Wechsel im Lese- Rhythmus, der sich aus dem raffinierten Zusammenspiel von Wortwahl, Metrik und Stilistik ergibt, wobei eben dieses Zusammenspiel den Reiz dieser ungewöhnlichen Dichtung ausmacht.

I 1



5




10
Wie war zu Cöln es doch vordem
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul, man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich.
Da kamen bei Nacht,
Eh’ man’s gedacht,
Die Männlein und schwärmten
Und klappten und lärmten
Und rupften 
Und zupften
Und hüpften und trabten
Und putzten und schabten.
Und eh’ ein Faulpelz noch erwacht,
War all sein Tagewerk bereits gemacht. 
II 15




20




25
Die Zimmerleute streckten sich
Hin auf die Spän und reckten sich.
Indessen kam die Geisterschar
Und sah was dort zu zimmern war.
Nahm Meißel und Beil
Und die Säg’ in Eil’;
Und sägten und stachen
Und hieben und brachen,
Berappten
Und klappten,
Visierten wie Falken
Und setzten die Balken.
Eh’ sich’s der Zimmermann versah,
Klapp! stand das ganze Haus schon fertig da.
III
30




35




40
Beim Bäckermeister war nicht Not,
Die Heinzelmännchen backten Brot.
Die faulen Burschen legten sich,
Die Heinzelmännchen regten sich
Und ächzten daher
Mit den Säcken schwer
Und kneteten tüchtig
Und wogen es richtig
Und hoben
Und schoben
Und fegten und backten
Und klopften und hackten.
Die Burschen schnarchten noch im Chor,
Da rückte schon das Brot, das neue, vor.
IV

45




50




55
Beim Fleischer ging es just so zu:
Gesell und Bursche lag in Ruh',
Indessen kamen die Männlein her
Und hackten das Schwein die Kreuz und Quer.
Das ging so geschind
Wie die Mühl' im Wind.
Die klappten mit Beilen,
Sie schnitzten an Speilen,
Die spülten,
Die wühlten
Und mengten und mischten
Und stopften und wischten.
Tat der Gesell die Augen auf,
Wapp! hing die Wurst schon da im Ausverkauf. 
V


60




65




70
Beim Schenken war es so: es trank
Der Küfer, bis er niedersank;
Am hohlen Fasse schlief er ein. 
Die Männlein sorgten um den Wein
Und schwefelten fein
Alle Fässer ein
Und rollten und hoben
Mit Winden und Kloben 
Und schwenkten
Und senkten
Und gossen und panschten
Und mengten und manschten.
Und eh' der Küfer noch erwacht, 
War schon der Wein geschönt und fein gemacht.
V



75




80
Einst hatt’ ein Schneider große Pein;
Der Staatsrock sollte fertig sein.
Warf hin das Zeug und legte sich
Hin auf das Ohr und pflegte sich.
Da schlüpften sie frisch
In den Schneidertisch
Und schnitten und rückten
Und nähten und stickten
Und faßten
Und paßten
Und strichen und guckten
Und zupften und ruckten.
Und eh’ mein Schneiderlein erwacht,
War Bürgermeisters Rock bereits gemacht.
VI 85




90




95
Neugierig war des Schneiders Weib
Und macht sich diesen Zeitvertreib:
Streut Erbsen hin die andre Nacht,
Die Heinzelmännchen kommen sacht;
Eins fähret nun aus,
Schlägt hin im Haus,
Die gleiten von Stufen,
Die plumpen in Kufen,
Die fallen
Mit Schallen,
Die lärmen und schreien
Und vermaledeien.
Sie springt hinunter auf den Schall
Mit Licht - husch husch husch!  verschwinden all. 
VII
100




105




110
O weh ! Nun sind sie alle fort,
Und keines ist mehr hier am Ort.
Man kann nicht mehr wie sonsten ruhn,
Man muß nun alles selber tun.
Ein jeder muß fein
Selbst fleißig sein
Und kratzen und Schaben
Und rennen und traben
Und schniegeln
Und biegeln
und klopfen und hacken
Und kochen und backen.
Ach, daß es doch wie damals wär'!
Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her.

 

 

Die Heinzelmännchen zu Köln
Textanalyse  von Studienrätin Cornelia Hennings, 
Ritzefeldgymnasium Stolberg

Alle acht Strophen der Ballade weisen den gleichen Aufbau auf, wie schon aus dem Druckbild deutlich wird: In vier Versen (Zeilen) wird zunächst dargestellt, welchem Beruf die Menschen nachgehen, dann folgen acht Kurzverse mit der Beschreibung der Tätigkeiten der Heinzelmännchen, am Schluss wird dann das Ergebnis dieser Tätigkeiten in zwei Versen zusammengefasst. Eine Ausnahme bilden die erste Strophe, in der allgemein vom segensreichen Wirken der guten Wichtel berichtet wird, ferner die siebte Strophe mit dem katastrophalen Ergebnis des Handelns eines Menschen, der den Zauber entlarven will, und die abschließende Strophe mit dem allgemeingültigen Fazit, das bis in die Gegenwart des Lesers Gültigkeit hat.

Die Metrik unterstützt den gleichmäßigen Strophenbau: Die vier Eingangsverse einer jeden Strophe zeigen einen aufsteigenden Rhythmus von jeweils vier Jamben (Zeilen), wobei die Bewegung dieser Zeilen durch die stumpfe Kadenz am Zeilenende jeweils zu einem gewissen Einhalt gelangt, jedoch meist durch Enjambement 
weitergeführt wird. Der identische Reim "sich" setzt häufiger die Eingangspassage von der folgenden ab. Die natürlichen Sprechpausen (Zäsuren) im Rhythmus, z.B. nach "Cöln" (I,1) und in I,2 vor und nach "Heinzelmännchen", heben jeweils Wichtiges (hier die Namen) hervor.

Die Erzählung der einzelnen Strophen wirkt in ihrer rhythmischen Gestaltung gegenüber dem gleichmäßig gebauten ruhigeren Eingangsbericht viel lebhafter. Die Verse 5 bis 12 weisen nach einer häufigen Vorsilbe (Auftakt x, z.b. I,5 "da") als hauptsächliches Merkmal einen Daktylus (x´/x/x z.B. "ka´men bei") auf, der dann in eine Hebung (x´, z.B. I,5 "Na´cht") oder bei klingender Kadenz (schwacher oder weiblicher Reim) in einen Trochäus (x´/x) mündet (z.B. I,7/8 "schwä´rmten" / "lä´rmten"). Der einsilbige männliche Reim (z.B. I,5/6 "Na´cht" / "[ge]da´cht"), zu dem man also eine Silbe hinzu denken kann, die dann in die Staupause des Sprechens fällt, kann demnach als Spannungsmoment gedeutet werden. Sicherlich verspürt der Hörer bei den unruhigen Daktylen neugierige Spannung, welche die Erregung des Sprechers bewirkt. Die Verkürzung der Mittelzeilen (z.B. I,9/10 "Und ru´pften, Und zu´pften") in einer jeden Strophe mit der Pausenwirkung, die von den fehlenden Metren (x´ oder x´/x) ausgeht, kann wohl als Erschöpfung durch die Mühen der ausgeübten Tätigkeiten gedeutet werden.

Auffällig ist auch die Betonung der Vielfalt der Verrichtungen durch die Stilfiguren der Parallelismen und der Anaphern ("und"). Häufig zeigt sich auch Onomatopöie (Lautmalerei), z.B. II,23/24 "Berappten / Und klappten", wobei auch andere Stilmittel wie z.B. der Vergleich "Visierten wie Falken" (II,25) besondere Akzente, hier sicherlich eine ironische Wirkung, setzen. Ironie liegt spürbar auch vor in III,41 "Die Burschen schnarchten noch im Chor".

Die beiden letzten Zeilen einer jeden Strophe berichten dann fazitartig das Ergebnis der jeweiligen Episode, wobei auf den Rhythmus der ersten Erzählphase zurückgegriffen wird. Die Strophe erhält ihren Abschluss, indem in der letzten Zeile der vierhebige Jambus zum fünfhebigen Jambus erweitert wird. Wenn man in Strophe II und IV das lautmalerische "Kla´pp" bzw. "Wa´pp" in der Anfangsstellung mit beschwerter Betonung liest, muss man einen Wechsel zu den im Vergleich zu den Jamben schwerfälligen Trochäen (x´/x) annehmen, was freilich Sinn macht, wenn man davon ausgeht, dass das überraschende Ergebnis des Handelns der Heinzelmännchen betont sein soll.

Betonung des Ungeheuerlichen bewirkt an anderer Stelle die Stilfigur der Inversion: In III,42 wird mit diesem Stilmittel das frische Brot, "das neue", herausgestellt.

Dramatisch geht es nun in Strophe VII mit der Katastrophe zu. Die versetzte Betonung gleich am Anfang (VII,85) "Neu´gierig wa´r des Schnei´ders Weib" (x´x/xx´/xx´/ xx´) erzeugt Spannung. VII,88 bringt die Namensgebung der Wichtel mit metrischer Betonung, die ansonsten lediglich in Strophe I vorkommen. Während in der einleitenden Strophe die Wohltat durch die Heinzelmännchen allgemein dargestellt wird, in den anderen Strophen in den Kurzversen die einzelnen handwerklichen Tätigkeiten ausgeführt werden, wird in Strophe VII das Ergebnis des unheilvollen Handelns eines Menschen, der Schneidersfrau, beschrieben. Wie bei der Vorbereitung der Katastrophe (VII,85) verdeutlicht die versetzte Betonung den Umschwung der bisher segensreichen Hilfe in den Fluch "U´nd verma´ledei´en" (x´/xx´/xx´/x) gegenüber dem üblichen Schema der anderen Strophen an dieser Stelle (x/x´xx/x´x), z.B. "Und me´ngten und ma´nschten").

Auch VII,98 kann

nach der regelmäßigen Betonung der jeweiligen Endzeile (xx´/xx´/xx´/xx´/xx´) "Mit Li´cht - husch hu´sch husch hu´sch! verschwi´nden a´ll" 

mit schwebender Betonung skandiert werden: xx´/(Pause) xxxx (Pause) /xx´/xx´ ("Mit Li´cht - husch husch husch husch! verschwi´nden a´ll"). Das lautmalerische Umsetzen des Verschwindens wirkt bei dieser Art des Vortrags wie ein Luftzug, der die hifreichen Geister für immer entführt.

Das Resultat in VIII,103 f. "Ein je´der muss fei´n / Se´lbst flei´ßig sein" fällt ebenfalls metrisch aus dem Rahmen, wie es auch an entsprechenden sinnbetonten Stellen in anderen Strophen zu bemerken ist, etwa in I,6 "e´h man's geda´cht" mit fehlendem Auftakt und der Unterdrückung der Senkung am Ende als Spannungsmoment (x´/xx/x´) statt wie regelmäßig in den Passagen der handwerklichen Tätigkeiten (x/x´xx/x´x d.h.: Auftakt, Daktylus, Trochäus). Der abschließende Trochäus ist in den Zeilen, welche die Mühen der Heinzelmännchen jeweils knapp zusammenfassen (z.B. I,9 f. "Und ru´pften / Und zu´pften" oder VIII,107 f. "Und schni´egeln / Und bi´egeln") ganz ausgespart, wohl um dem Sprecher, der von der Aufzählung der vielen Geschäftigkeiten schon etwas atemlos geworden ist, die Gelegenheit zu geben, in der Pause Luft zu holen. In Bezug auf die Heinzelmännchen kann die Pause auch als das erschöpfte Innehalten nach großer Verausgabung gedeutet werden, ehe die Tätigkeiten fortgesetzt werden.

Die Metrik ist also dem betreffenden Inhalt durchweg angepasst und unterstreicht in den Abweichungen vom Grundschema den Gehalt besonders bemerkenswerter Aussagen.

 


 

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