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zeichnis:

Wie Galminus zu seinem Namen kam

Stolberger Zwerge vor 2000 Jahren

Galminus und das "Stolberger Gold"

Messing, ein kostbares Metall

Galminus ist in Stolberg geblieben

Galminus und der Berggeist

Der "sagenhafte" Galminus

 

 

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Galminus,
der Museumszwerg.

Eine Zwergengeschichte für Kinder im Alter von 10 bis 100 Jahren.

Text und Idee:
Friedrich Holtz

Vor undenklich langer Zeit lebten in unserer Gegend ganz viele Zwerge. Von dieser großen Zwergenschar bin ganz alleine ich übrig geblieben. Vor vielen, vielen Jahren, ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern wann, sind meine damaligen Zwergenfreunde alle fortgezogen. Wie es dazu kam, und wieso ich ganz alleine hier geblieben bin, davon kann ich vielleicht später noch erzählen.

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Quelle: Bersch, W. (1898):
Mit Schlägel und Eisen.
Jedenfalls lebe ich auch heute noch bei euch in der Gegend, und möglicherweise werdet ihr fragen, warum ihr mich noch nie gesehen habt. Das liegt ganz einfach daran, dass ich mich immer sehr gut verstecke, denn, wie alle meine Artgenossen aus der Familie der Kobolde, bin ich sehr menschenscheu. Wir alle, meine früheren Zwergenfreunde und ich auch, sind gerade mal so groß wie Kinder, die zum Kindergarten gehen. Aber aussehen tun wir wie uralte Greise mit unseren langen Bärten und unseren faltigen, runzeligen Gesichtern. Daher wurden wir von den Menschen auch immer ausgelacht, und das mochten wir überhaupt nicht leiden.

Deshalb hielten wir uns immer gut versteckt, obwohl wir die Menschen eigentlich sehr mochten und ihnen früher sehr oft - wenn uns niemand beobachten konnte - bei der Arbeit geholfen haben.


Kristalle aus meiner Zwergenhöhle
Sammlung u. Foto: F. Holtz
Meine Zwergenwohnung
Aber das "Kleinsein" hat auch Vorteile, insbesondere dann, wenn man immer meint, sich verstecken zu müssen. Wir Winzlinge nämlich passen in fast jede Felsspalte und so wohne ich, wie viele meiner früheren Kameraden, tief unten in der Erde. Der Eingang zu meiner Felsspalte ist so eng, dass selbst ich mich hindurchzwängen muss. Weiter im Bergesinneren jedoch wird der Zugang zu meiner Wohnung allmählich breiter und mündet tief unter der Erde in eine etwas geräumigere Höhle. Dieser Unterschlupf ist zwar immer noch recht klein, aber für meine Körpergröße genau richtig.

Diese Höhle ist auch kein einfaches Erdloch, nein, sie ist eine richtige Kristallhöhle. An der Höhlendecke und an allen Wänden sitzen überall kleinere und größere, hellweiße Kristalle, die so prächtig glitzern und funkeln, als wären es allesamt wertvolle Edelsteine.


Die Öllampe aus meiner Zwergenhöhle.
Foto: Werbestudio Toporowsky
Damit es so richtig glitzern und funkeln kann, hängt in der Mitte meiner Höhle eine Öllampe. Diese Lampe gibt ein wunderbar helles und warmes Licht. Das Besondere an dieser Wunderlampe jedoch ist, dass man niemals Öl nachfüllen muss, gleichgültig wie lange sie auch immer brennen mag.

Warum das so ist, darf ich nicht verraten. Aber wenn ich später von meinem Freund, dem Berggeist erzähle, werdet ihr verstehen, was es mit dieser Lampe auf sich hat. Und, wenn ihr gut aufpasst, werdet ihr erfahren, weshalb die Geschichte von meiner Wunderlampe mein Geheimnis bleiben muss.

Meine Spaziergänge
Nun bin ich ja mittlerweile schon ein recht alter, etwas müde gewordener Zwerg. Wie ihr euch sicher denken könnt, fühle ich mich sehr wohl in meiner gemütlichen Höhle und in meinem unterirdischen Reich. Aber manchmal wird es mir doch etwas langweilig. Dann zwänge ich mich durch meine Felsspalte und schaue mich für einige Stunden in der oberirdischen Welt um. Immer, wenn ich unbeobachtet bleiben kann, höre ich auch den Menschen zu, wenn sie sich unterhalten und davon erzählen, was so alles passiert in der Welt.

Oft kann man dann ganz lustige und fröhliche Geschichten hören, aber manchmal erzählen die Menschen auch ganz traurige Sachen. Sie berichten von Dingen, die ich mit meinem Zwergenverstand überhaupt nicht verstehen kann. Dann tun mir die Menschen immer so leid, und oft würde ich Ihnen so gerne helfen, wie ich das früher mit meinen Zwergenfreunden fast jeden Tag getan habe.


 

Wie Galminus zu seinem Namen kam.

Neulich, es ist erst wenige Jahre her, hörte ich bei einem meiner Ausflüge eine Geschichte, die ich zuerst gar nicht glauben konnte. Eine Gruppe älterer Spaziergänger erzählte von Stolberger Museumsleuten, die doch tatsächlich einen Zwerg suchen würden. Es sollte auch nicht irgendein Zwerg sein, nein, man suchte einen richtigen Stolberger Zwerg. Man wollte nämlich den Kindern von den alten Stolberger Zwergen erzählen und dabei auch Bilder von einem leibhaftigen Stolberger Zwerg zeigen. Die Spaziergänger machten sich sogar lustig darüber, weil man doch eigentlich wissen müsse, dass die Stolberger Zwerge längst schon alle verschwunden sind.

Wie ihr euch denken könnt, bekam ich einen tüchtigen Schrecken und verkroch mich sofort wieder in meine Höhle. Wenn man also einen Stolberger Zwerg suchte, und ich als einziger Zwerg in unserer Gegend übrig geblieben bin, dann suchte man niemand anderen als mich. Nicht auszudenken, wenn man mich finden würde!

Aus lauter Angst blieb ich wochenlang in meiner Höhle und traute mich nicht ans Tageslicht. Aber die Geschichte ging mir nicht aus dem Kopf. Wenn die Leute nun wirklich einen richtigen Zwerg suchten, dann müssten sie eigentlich auch wissen, dass wir Zwerge alle klein und hutzelig sind. Vielleicht würden die Museumsleute mich ja überhaupt nicht auslachen, sie wären bestimmt sogar ganz froh, wenn ich mich melden würde. Und wäre es wirklich so schlimm, wenn sie ein Bild von mir zeichnen würden? Aber würden die Kinder mich nicht auslachen, wenn sie später mein Bild sehen? Mir wurde manchmal ganz wirr im Kopfe während ich darüber nachdachte.

Aber war ich nicht auch das einzige Wesen auf der ganzen weiten Welt, das den Museumsleuten weiterhelfen konnte? Und haben wir Zwerge nicht seit undenklichen Zeiten den Menschen immer und immer wieder geholfen? Nein, es musste sein; ich musste mit den Museumsleuten reden.


Mitten in der Nacht ging es vorbei an der Stolberger Burg zum Zinkhütter Hof. Foto: F. Holtz
Galminus im Zinkhütter Hof
So habe ich dann eines Tages meinen ganzen Zwergenmut zusammengerafft und mich mitten in der Nacht auf den Weg gemacht. Zunächst ging es durch Wald und Feld bis zur Stolberger Altstadt und dann weiter zum Zinkhütter Hof.

Früh am Morgen habe ich mich dann ganz zaghaft bei den Museumsleuten bemerkbar gemacht. Zuerst waren wir alle ziemlich erschrocken; die Museumsleute, weil sie mit mir und meinem Erscheinen überhaupt nicht gerechnet hatten. Und ich war natürlich auch erschrocken, weil ich plötzlich so nahe bei den großen Menschen war.

Aber bald schon war ich doch sehr erstaunt, was man alles von mir und meinen früheren Zwergenfreunden wusste. Wie ich zu meiner großen Überraschung erfuhr, haben die Menschen die Geschichten von uns Zwergen auch nach unserem Verschwinden immer wieder weiter erzählt. Die Kinder, die diese Geschichten von ihren Eltern und Großeltern gehört hatten, haben später diese Erzählungen ihren eigenen Kindern und Enkeln erzählt. Und diese wiederum haben, als sie selbst erwachsen waren, auch ihren Kindern die gleichen Geschichten erzählt. Das ging immer so fort, bis man eines Tages diese Geschichten aufgeschrieben und sogar ein Buch darüber gedruckt hat.


Zinkhütter Hof, Foto: D. Hackenberg – www.lichtbild.org

Und was soll ich euch sagen, die Museumsleute wussten Dinge zu erzählen, an die ich mich nur noch ganz schwach erinnern konnte. Sie wussten über die frühere Zwergengesellschaft manchmal besser Bescheid, als ich selbst. Die Leute haben mir dann auch erzählt, dass ich schon fast zweitausend Jahre alt bin und sie haben mich auch getröstet, weil man während dieser langen Zeit wohl sicherlich das eine oder das andere vergessen könnte.

Dann aber passierte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Man fragte mich nämlich nach meinem Namen. Und, was soll ich euch sagen, auch meinen Namen hatte ich vergessen. Zu viele lange Jahre hatte ich alleine in meiner Höhle zugebracht und mit niemanden gesprochen. Nur zugehört hatte ich manchmal, wenn die Menschen sich unterhielten, aber selbst hatte ich natürlich kein Sterbenswörtchen gesprochen, weil ich ja nicht bemerkt werden wollte.


Das "goldene Tor" in der Messingausstellung des Zinkhütter Hofes. Foto: Zinkhütter Hof
Jetzt, so wurde mir mit großem Schrecken klar, würde ich doch wieder ausgelacht werden, weil ich meinen Namen nicht mehr wusste. Mein erster Gedanke war, schnell zu verschwinden und mich wieder in meine sichere Höhle zu verkriechen. Wenn man nun aber am ganzen Körper so sehr zittert wie ich, war das mit dem schnellen Verschwinden gar nicht so einfach. Auch bemerkte ich bald, dass ich mich mit meiner Furcht vor dem Ausgelacht werden doch sehr getäuscht hatte. Die Museumsleute nämlich meinten nur, wenn ich keinen Namen hätte, müsste man eben ganz einfach einen Namen für mich suchen.

Und stellt euch vor, sie haben das nicht nur so gesagt, sie haben das wirklich auch getan. Sogar in der Zeitung hat damals gestanden, dass man für mich einen Namen sucht. Ganz, ganz viele nette und liebe Leute haben geschrieben und Vorschläge gemacht, wie man mich wohl nennen könnte. Und von all den schönen Namen durfte ich mir den schönsten aussuchen. Das war aber gar nicht so einfach, denn ich konnte mich zuerst überhaupt nicht entscheiden. Es waren so viele schöne Namen eingeschickt worden, und da brauchte ich etwas Zeit, mir zu überlegen, welcher Name am schönsten wäre und welcher am besten zu mir passen würde.

Ich bekam einen großen Zettel, wo alle Namen fein säuberlich aufgeschrieben waren. Hiermit konnte ich mich dann in meine Höhle verkriechen und hatte Zeit, mir alles in Ruhe zu überlegen. Manchmal, wenn ich mich überhaupt nicht entscheiden konnte, dachte ich darüber nach, dass viele Leute ja auch zwei oder noch mehr Namen tragen. Aber das kam für einen so kleinen Zwerg, wie ich einer bin, wohl nicht in Frage. Außerdem würde ich mir dann ja auch zwei oder noch mehr Namen merken müssen. Das ging natürlich erst recht nicht, denn meinen alten, ursprünglichen Namen hatte ich ja auch vergessen.

Nach langem Überlegen habe ich mich letztendlich für "Galminus" entschieden. Diesen Namen habe ich deshalb ausgesucht, weil er an Galmei erinnert, und mit Galmei hatte ich früher sehr viel und sehr oft zu tun. Somit habe ich jetzt wieder einen Namen, der richtig gut zu mir passt und auf den ich stolz sein kann.


 

Stolberger Zwerge vor 2000 Jahren

Im vorigen Teil unserer Geschichte habt ihr erfahren, was ich heute so treibe und wie ich meinen neuen Namen "Galminus" bekommen habe. Nun werde ich euch verraten, wieso es mich überhaupt gibt; wieso die Stolberger Zwergenschar, der auch ich angehörte, entstehen und - wenn man so will - ins Leben treten konnte.

Vor ungefähr 2000 Jahren wurde fast die gesamte, damals bekannte Welt, und damit auch unsere Gegend, von den sogenannten Römern beherrscht. Man spricht deshalb von "den Römern", weil dieses Weltreich von Rom aus regiert wurde und Rom die Hauptstadt und der Mittelpunkt der damaligen Welt war.

Ganz anders als das bei den meisten Menschen heute der Fall ist, verehrte man damals nicht nur einen einzigen Gott, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Gottheiten, die für jeweils einen bestimmten Zweck zuständig waren. Die Leute dieser Zeit verehrten beispielsweise:


Flora, Göttin des Getreides und der Blumen. Foto: Axel Pfaff
Die Römer glaubten damals aber auch an kleine Hausgeister. Diese gutmütigen Geister, so stellte man sich vor, lebten zusammen mit den Menschen in den Wohnhäusern und hatten ihren Platz in der Nähe der Feuerstelle. Hier lebten sie sehr zurückgezogen und versteckt, so dass man sie nur ganz selten, eigentlich nie zu sehen bekam. Von den Menschen jener Zeit wurden die winzigen Hausgeister Penaten genannt. Trotz ihres kleinen Wuchses und ihrer zurückgezogenen Lebensweise waren die Penaten von großer Bedeutung. Man glaubte nämlich, dass sie Haus, Hof, Stallungen, Scheunen sowie auch die dort wohnenden und arbeitenden Menschen schützen und vor Unheil bewahren würden.

Aus diesen römischen Penaten sind dann später in der Vorstellung der Menschen Heinzelmännchen geworden. Ähnlich wie die Penaten wollten auch die Heinzelmännchen nicht beobachtet werden, wenn sie in den Nachtstunden ganz heimlich den Menschen halfen und vielfältige Arbeiten in Haus und Werkstatt verrichteten.


Römervilla aus Stolberg Atsch,
Rekonstruktionszeichnung von
H. Albrecht
Von diesen freundlichen, hilfsbereiten Penaten bzw. Heinzelmännchen haben die Leute in früheren Zeiten oft und gerne erzählt. Vor etwa 150 Jahren entstand in Köln sogar ein ganz bekanntes Gedicht, welches von den Heinzelmännchen und von ihren mannigfachen Tätigkeiten erzählt:

Wie war zu Cöln es doch vordem
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul, man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich.
Da kamen bei Nacht,
Eh' man's gedacht,
Die Männlein und schwärmten
Und klappten und lärmten
Und rupften
Und zupften
Und hüpften und trabten
Und putzten und schabten.
Und eh' ein Faulpelz noch erwacht,
War all sein Tagewerk bereits gemacht.

Die fleißigen Helfer, so wird in dieser Geschichte berichtet, arbeiteten während der Nachtstunden bei den Zimmerleuten, beim Bäcker, Metzger, Winzer und Schneider. Nur, um die Heinzelmännchen einmal zu sehen, ein einziges Mal zu beobachten, spielte eine neugierige Schneidersfrau den kleinen Wichteln ganz böse mit. Hierüber waren die Heinzelmännchen so erbost, so verärgert, dass sie für immer verschwunden sind und den Menschen nie mehr wieder geholfen haben.

Sicherlich werdet ihr noch wissen, dass auch ich sehr menschenscheu bin und ganz zurückgezogen, ganz versteckt in meiner Höhle lebe. Und möglicherweise vermutet ihr jetzt, dass ich früher zu den Penaten, zu den Heinzelmännchen, gehört haben könnte. Eigentlich, so werdet ihr vielleicht denken, hat es die Penaten und auch die römischen Götter nie wirklich gegeben. Folglich, so sollte man meinen, dürfte es auch mich nicht geben und nie gegeben haben. Auch, wenn ihr jetzt eventuell etwas enttäuscht seid, aber es ist tatsächlich möglich, dass ich immer nur in der Vorstellung der Menschen gelebt habe.

Trotzdem bin ich, und das müsst ihr mir glauben, mit meinem Schicksal zufrieden; selbst dann, wenn es mich in Wirklichkeit nie gegeben hat. Wenn ihr jetzt diese Geschichte lest, so lebe ich ja auch in euren Köpfen, in eurer Fantasie weiter; und das nach über 2000 Jahren. Ihr werdet mir sicherlich recht geben, damit kann man aber nun wirklich zufrieden sein.

Wenn ihr euch jetzt damit abgefunden habt, dass es mich in Wirklichkeit nicht gibt, dann habe ich noch eine dicke Überraschung für euch. Aber davon später.


 

Galminus und das "Stolberger Gold"

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Bleiglanz aus einer Stolberger Erzgrube.
Sammlung u. Foto: F. Holtz
Stolberger Bergbau vor 2000 Jahren
Zur Zeit der Römer verdienten die Leute ihren Lebensunterhalt nicht nur mit Ackerbau, Viehzucht und bäuerlichem Handwerk. Man holte in der Stolberger Gegend auch ganz besondere Steine aus dem Boden, mit denen man gutes Geld verdienen konnte. Es gab eine Steinart, die man an dem ungewöhnlich und auffallend hohen Gewicht erkennen konnte. Und im Innern, wenn man diesen Stein an- oder aufklopfte, glänzte er wie pures, reines Silber.

Auf Grund dieses Glanzes und wegen des hohen Gewichtes konnte man schon vermuten, dass dieser Stein Metall enthielt. Es war also ein sogenanntes Erz. Das Metall, welches aus diesem Stein ausgeschmolzen wurde, war Blei. Weil der Stein an frischen Bruchstellen so herrlich glänzte, hat man diesem Erz den Namen Bleiglanz gegeben. Das ausgeschmolzene Blei konnte vielseitig verwendet werden. So stellte man beispielsweise Wasserleitungsrohre und Anker für Schiffe aus diesem Metall her. Auch ließen sich aus Blei sehr einfach Figuren und sonstiger Zierrat gießen.


Stolberger Galmei.
Sammlung u. Foto: F. Holtz
Es gab aber noch einen weiteren, einen ganz geheimnisvollen Stein, den man hier in unserer Gegend abbaute. Die eigentliche Natur dieses Steines, den man Galmei oder früher "cadmia" nannte, konnte man damals nicht deuten. Man wusste nur, dass dieser Stein dem Kupfer eine wunderschöne, goldgelb-glänzende Farbe gab.

Hierzu wurde der Stein gemahlen und zusammen mit Holzkohle und Kupfer in einen Schmelztiegel gegeben. In ganz starkem heißen Feuer wurde hieraus ein Metall, das ganz genau so aussah wie Gold.


Messingschale.
Foto: K. Heymann
Wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, war dieses Metall sehr begehrt und teuer. Mittlerweile weiß man, dass dieses goldglänzende Metall - heute wird es Messing genannt - eine Legierung, eine Mischung der beiden Metalle Kupfer und Zink ist. Wie ihr euch wahrscheinlich denken könnt, kamen die Zinkbestandteile der Legierung aus eben diesem rätselhaften Stein. Somit war dieser Stein, den die Römer "cadmia" nannten, ebenfalls ein Erz, und zwar ein Zinkerz.

Seit mehreren hundert Jahren wird dieser Erztyp auch Galmei genannt, und diesem Galmei habe ich - wie ich bereits erzählte - meinen neuen Namen "Galminus" zu verdanken.


Galmeiveilchen.
Foto: F. Holtz
Es gab aber noch ein anderes Geheimnis, von dem wir Zwerge damals schon wussten. Die Erze, die wir suchten, ließen sich nur dort finden, wo im Gelände ganz bestimmte Pflanzen wuchsen. Zu diesen sogenannten erzanzeigenden Pflanzen gehört unter anderem das Galmeiveilchen. Und dieses zarte, gelbblühende Veilchen wächst auf der ganzen weiten Welt nur in einem einzigen Gebiet, nämlich in den Stolberger Erzfeldern, die sich allerdings bis ins nahe Belgien erstrecken.


Arbeit mit Schlägel und Eisen.
Ausschnitt aus dem "Sächsischen Bergwerk", Einzelblatt um 1530
Nun war es allerdings gar nicht so einfach, die metallhaltigen Steine aus dem Boden zu holen. Die Erze kamen in Stolberg als sogenannte Kluftmineralien vor. Das heißt: sie saßen, teilweise fest verwachsen mit dem Fels, in engen, schmalen Gesteinsspalten. Man musste also, um die wertvollen Steine herausholen zu können, tiefe Schürfgräben in den Fels treiben oder unterirdische Stollen in den Berg hauen. Die Werkzeuge, die man hierfür brauchte, wurden Schlägel und Eisen genannt. Auf dem Bild, welches die Museumsleute von mir gezeichnet haben, halte ich genau diese Werkzeuge in der Hand.

Die Schürfgräben legte man natürlich so schmal und eng wie möglich an, damit man nicht zu viel von dem wertlosen, harten Felsgestein abklopfen musste. Ähnlich verhielt es sich mit den unterirdischen Stollen, die allesamt nicht nur eng, sondern auch niedrig waren. Es war somit günstig, wenn man nur kleinwüchsige und schmächtige Menschen in die Schürfgräben bzw. Stollen schickte. Soweit ich mich entsinnen kann, waren dies meist klein gebliebene Leute aus der in unserer Gegend lebenden Urbevölkerung, den sogenannte Kelten, die schon lange vor den Römern hier zu Hause waren.

Bestimmt werdet ihr schon erraten haben, dass auch ich zu diesen kleinwüchsigen Bergleuten gehört haben könnte. Hatte ich euch aber nicht vorher erzählt, ich würde eigentlich von den Penaten abstammen? Hoppla, werdet ihr jetzt sicher fragen, ist dieser seltsame Galminus nun ein früherer Bergmann oder ein früherer kleiner Hausgeist? Die Antwort darauf werde ich euch aber jetzt noch nicht verraten.

Stellen wir uns doch zunächst einmal vor, wie die Leute früher gelebt haben. Alle Arbeiten, die getan werden mussten, wurden entweder im Haus oder ganz nahe bei den Häusern verrichtet. Der Bauer arbeitete entweder im Stall, in der Scheune oder auf einem nahe gelegenen Feld. Der Handwerker, ob Schuster, Schreiner oder Schmied, arbeitete in seiner am Haus befindlichen Werkstatt und jeder, der wollte, konnte hineinsehen und zuschauen. Buchstäblich jedes Kind wusste also, was der Vater, der Nachbar, und was jeder einzelne Dorfbewohner arbeitete.

Ganz anders war das bei den Bergleuten. Sie zogen jeden Morgen zu ihren Schürfstellen in Wald und Heide und gingen dort ihrer geheimnisvollen Beschäftigung nach. Ganz ähnlich wie bei den Penaten, den Hausgeistern, konnte man die Bergleute bei ihrer Arbeit nicht beobachten. Viele von ihnen schufteten in finsteren Erdstollen, in ewiger Nacht also.

Und diese ewige Dunkelheit ließ auch an Penaten denken, die ja ebenfalls nur bei dunkler Nacht erschienen und dann fleißig arbeiteten. Da war aber noch etwas; die Bergleute nämlich waren fast genau so klein wie die Penaten.

Mit anderen Worten: Penaten und Bergleute hatten so viel gemeinsam, dass die Leute später überhaupt nicht mehr zwischen Hausgeistern und Bergleuten unterschieden, sondern in ihren Erzählungen und Geschichten nur noch von Zwergen und Heinzelmännchen sprachen.

Ganz anders als die Penaten, hat es die frühen Bergleute ohne jeden Zweifel nun aber wirklich, wahrhaftig und tatsächlich gegeben. Mich muss es also auch gegeben haben; und wenn ich nicht gestorben bin, so lebe ich noch heute. Aber gestorben bin ich nicht, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Oder ob ich das auch wieder vergessen habe? Was meint ihr denn dazu?


 

Messing, ein kostbares Metall

In der vorigen Geschichte habe ich von dem rätselhaften Galmeistein und von dem ebenfalls rätselhaften Metall Messing erzählt. Soweit ich mich erinnern kann, wurden aus diesem wunderschönen, goldgelb glänzenden Metall allerlei Ziergegenstände gemacht. Diese Messinggeräte waren so schön und teuer, dass sie nur von wohlhabenden reichen Familien gekauft werden konnten.

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Hemmoorer Eimer,
Landesmuseum Hannover.
Die Leute, die in unserer Gegend das Messing herstellten, und auch wir, die kleinen fleißigen Bergleute, haben mit unserem Beruf immer gutes Geld verdient. Oft wurde sogar behauptet, wir seien reich gewesen. Aber davon erzähle ich später.

Wie ich erst neulich von den Museumsleuten im Zinkhütter Hof erfahren habe, müssen zu meiner Zeit Messinggefäße einer ganz bestimmten, ganz besonderen Art hergestellt worden sein, die ähnlich aussahen wie riesengroße Eierbecher.

Über viele Jahrhunderte hatten die Menschen völlig vergessen, dass es diese Gefäße früher einmal gegeben hat. Kurz nach 1900 wurde erstmals wieder in der Neuzeit ein solches Gefäß ausgegraben. Man fand es in Hemmoor, einem kleineren Ort in Norddeutschland. Nach diesem Ort wurde das dort gefundene Gefäß und alle weiteren, später noch an vielen anderen Stellen gefundenen Gefäße der gleichen Art, "Hemmoorer Eimer" genannt.

Heute werden in vielen Museen Hemmoorer Eimer gezeigt und auch im Zinkhütter Hof ist in der Messingausstellung eine Nachbildung dieses Gefäßtypes zu sehen. Unter Eimer stellt ihr euch jetzt sicherlich ein Behältnis vor, das man im Haushalt zum Putzen, Waschen oder zu sonstigen Arbeiten brauchte. Bestimmt ist das aber mit den Hemmoorer Eimern ganz anders gewesen.

Die vielen mittlerweile gefundenen Messingeimer haben ja nun schon fast 2000 Jahre in der Erde gelegen. Nach dieser langen Zeit sehen sie natürlich nicht mehr neu aus. Der einst goldgelbe Glanz ist inzwischen verschwunden und die Gefäße sehen heute schmutzig-braun aus. An manchen Stellen schimmert der sogenannte Grünspan durch, der immer dann auftritt, wenn Kupfer oder kupferhaltiges Metall verwittert.


So ungefähr dürfte ein Hemmoorer Eimer früher einmal ausgesehen haben. Nach Waller K. (1959)
Wenn man etwas genauer hinschaut, erkennt man am oberen Rand des Gefäßes eine kunstvolle Verzierung, eine umlaufende Bildleiste. Bei manchen der Eimer finden sich in diesen sogenannten Relief-Friesen noch Reste von eingehämmertem Silber und Überbleibsel einer ehemaligen, leuchtend bunten Emaille-Ausschmückung.

Ganz bestimmt werdet ihr euch jetzt schon gedacht haben, dass man auch vor 2000 Jahren nicht auf die Idee kommen konnte, einen Putzeimer mit purem Silber und edlem Emaille zu verzieren. Und, in der Tat, die Hemmoorer Eimer sind in Wirklichkeit auch keine "Eimer" gewesen, sondern prachtvolle, goldgelb glänzende, teilweise reich verzierte Prunkgefäße. Vermutlich wurden diese Prunkgefäße in wohlhabenden Haushalten bei feierlichen Gelegenheiten benutzt, um Obst, Gebäck oder sonstige Leckereien zu servieren.

Wahrscheinlich haben die Archäologen nur deshalb von Eimern gesprochen, weil diese Gefäße ungefähr so groß sind, wie ein heutiger, kleinerer (5-Liter) Kartoffeleimer.

Die Museumsleute erzählten mir auch, dass diese Hemmoorer Eimer möglicherweise in der Stolberger Gegend gefertigt wurden, aber wissen täte man das nicht so genau. Natürlich fragte man mich auch, ob ich nicht vielleicht etwas dazu sagen könnte. Leider, und das tut mir heute sehr leid, ist es aber damals so gewesen, dass wir Galmeischürfer unseren kostbaren Galmei den Messingmachern verkauft haben, ohne uns darum zu kümmern, was die Messingmacher aus dem erschmolzenen Messing im einzelnen gefertigt haben. Das ist zwar, wie ich heute einsehe, sehr schade, aber trotzdem kann ich im Nachhinein richtig stolz sein, welch wunderbare Sachen aus "meinem" Galmei möglicherweise gemacht worden sind.

Wahrscheinlich könnt ihr euch überhaupt nicht vorstellen, wie fleißig und vor allem wie lange wir kleinen Bergleute damals nach Galmei geschürft haben. Über mehrere hundert Jahre holten meine Freunde und ich den Wunderstein aus dem Boden. Und, während dieser ganzen, langen Zeit haben unsere Kollegen, die Messingmacher, mit unserem Galmei das goldene Metall erschmolzen.


 

 

Galminus ist in Stolberg geblieben

Irgendwann passierte dann etwas ganz Ungeheuerliches, etwas, was man sich überhaupt nicht hatte vorstellen können. Die mächtigen und stolzen Römer wurden von einem fremden, zugewanderten Volk, welches man später Franken nannte, aus unserer Gegend vertrieben.

Auch für uns Zwerge war damit alles ganz anders geworden. Die römischen Penaten, sofern es sie überhaupt gegeben hat, sind mit den Römern fortgezogen. Warum hätten sie wohl auch hier bleiben sollen; bei wildfremden Menschen, die sich nicht einmal vorstellen konnten, dass es diese kleinen Hausgeister überhaupt gab? Ebenfalls mit Messing und Galmei hatten die zugewanderten Franken wenig im Sinn. Deshalb blieb auch den kleinen Bergleuten, den Galmeischürfern, nichts anderes übrig, als ihr Gezähe (Werkzeug) zusammenzupacken und fortzuziehen.

Die Geschichten aber, die man sich von den hilfsbereiten Hausgeistern und den fleißigen Bergleuten erzählte, haben den Franken offenbar so gut gefallen, dass sie diese Geschichten behalten und weiter erzählt haben.

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Zwerg mit riesigem Edelstein
Quelle: Bersch (1898)
Nun hatte ich ja schon erwähnt, dass ich manchmal, wenn mich niemand sehen konnte, den Menschen bei ihren Unterhaltungen zugehört habe. Bei einer solchen Gelegenheit erfuhr ich dann von einer höchst seltsamen, überraschenden Geschichte, welche die Menschen über uns Zwerge erzählten. Es wurde nämlich behauptet, wir Zwerge hätten, kurz vor unserem Verschwinden, lange in der Erde gegraben, unsere reichen Schätze verpackt und dann alles mitgenommen.

Klar haben wir lange in der Erde gegraben, mehrere hundert Jahre sogar; aber von der angeblichen Mitnahme der reichen Schätze war ich doch sehr verdutzt. Davon hätte ich schließlich wissen müssen. Zunächst wusste ich überhaupt nicht, was die Menschen damit meinten.

Galmei jedenfalls kann es nicht gewesen sein, denn davon lag noch so viel im Boden, dass man es unmöglich hätte mitnehmen können. Als wir abzogen, lagen sogar noch so gewaltige Mengen Galmei in der Erde, dass sich die späteren Kupfermeister im 16., 17. und 18. Jahrhundert und auch die Zinkhüttenleute im 19. Jahrhundert noch reichlich bedienen konnten. Was aber könnte es sonst gewesen sein; was könnten die Leute mit dieser Geschichte gemeint haben?

Als nächstes sind mir dann die wunderschön glitzernden Kalkspatkristalle eingefallen. Und damit muss ich euch jetzt vom vielleicht wichtigsten Augenblick in meinem Leben erzählen.

Obwohl manche Kalkspatkristalle wirklich wunderschön aussehen, sind sie eigentlich zu nichts nutze; und wirklich wertvoll sind sie auch nicht. Das aber hat mich nie gestört und an den funkelnden Kristallen in den Felsklüften hatte ich immer meine Freude. Vor langer Zeit, als ich noch ziemlich jung war, hatte ich eine ganz besonders schöne Kristallgruppe gefunden. Diesen prachtvollen Glitzerstein habe ich dann vorsichtig in eine Felsspalte gelegt, so dass ich ihn hin und wieder anschauen und mich daran freuen konnte.


Glitzerstein aus meiner Kristallhöhle. Sammlung u. Foto: F. Holtz

Irgendwann kam dann der große Schicksalstag, an dem unsere ganze kleine Steinklopferschar abreisen und fortziehen wollte. Ganz früh am Morgen hatten sich schon alle versammelt. Einige meiner Freunde zurrten noch ihre Rucksäcke zurecht, andere schnürten noch ganz sorgfältig ihre Stiefel und wieder andere füllten noch schnell ihre Trinkflaschen auf. Und ganz plötzlich fiel mir ein, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, meinen geliebten Glitzerstein als Andenken an meine alte Heimat mitzunehmen.

Also lief ich ganz schnell zu der Felsspalte, zwängte mich hinein und nahm meinen Kristallstein heraus. Nachdem ich ihn gut und weich verpackt hatte, bin ich wieder zurück zu meinen Freunden gelaufen, die sicherlich mit ihren Reisevorbereitungen fertig und wahrscheinlich schon startbereit waren. Aber könnt ihr euch meinen Schrecken, mein Entsetzen vorstellen, als ich merkte, dass meine Freunde alle aufgebrochen und verschwunden waren?

Anscheinend hatte niemand bemerkt, dass ich noch fehlte. Die Gruppe hatte sich wohlgemut auf den Weg gemacht und mich ganz alleine zurück gelassen. Es hätte auch keinen Zweck gehabt, der Gruppe hinterher zu rennen, weil ich überhaupt nicht wusste, welche Richtung meine Freunde eingeschlagen hatten. Außerdem hatte ich viel zu viel Angst, mich zu verirren und möglicherweise hinterher auch meine sichere Höhle nicht mehr wiederfinden zu können.

Anfangs war ich sehr traurig, aber langsam habe ich mich an das "Alleinsein" gewöhnt. Zur Unterhaltung kann ich gelegentlich ja den Menschen zuhören, die manchmal ganz merkwürdige Sachen erzählen, wie beispielsweise von den Schätzen, die wir Zwerge mitgenommen haben sollen. Seit dem Fortzug meiner Gefährten habe ich ja nun genug Zeit, über solche Dinge nachzudenken.

Wie ich euch schon erklärt habe, kann mit der Geschichte von den reichen Zwergenschätzen nicht unser Galmei gemeint gewesen sein. Aus einem ganz einfachen Grund scheiden die Kalkspatkristalle ebenfalls aus. Die ortsunkundigen Franken konnten nämlich überhaupt nicht wissen, dass es solche Kristalle in unseren Bergen gibt. Außerdem ist Kalkspat längst nicht so wertvoll, als dass man ihn als Schatz bezeichnen könnte.

Nach langem Überlegen glaube ich aber jetzt herausgefunden zu haben, was die Leute mit dieser Geschichte gemeint haben könnten. Ganz bestimmt haben wir Zwerge keinen wirklichen, tatsächlichen Schatz mitgenommen. Was meine Zwergenkollegen mitgenommen haben, war das Geheimnis um Galmei und Messing. Und dieses Geheimnis, dieses Wissen, war damals nun tatsächlich so wertvoll wie ein kostbarer Schatz. Nach dem Fortgang meiner Freunde hat es in der Tat bis zum Mittelalter, also über 600 Jahre gedauert, bis man in unserer Gegend wieder Messing machen konnte.


Messingleuchter aus dem Mittelalter. Foto: F. Holtz

 

Galminus und der Berggeist

In der vorigen Geschichte habe ich euch erzählt, wie ich durch eine bloße Unachtsamkeit - durch ein Unglück - von meinen früheren Zwergenkameraden getrennt wurde und ganz alleine hier zurück geblieben bin. Ich hatte damals überhaupt keine Ahnung, welchen Weg meine kleinen Freunde eingeschlagen hatten und wohin es sie verschlagen würde. Auch heute weiß ich noch nicht, wie es der kleinen Reisegruppe ergangen ist. Mittlerweile habe ich aber eine gute Vorstellung davon, wo die ausgewanderten Zwerge letztendlich gelandet sind. Wie ich davon erfahren habe, möchte ich euch jetzt erzählen. Nun ist das aber eine etwas längere Geschichte, und am besten erzähle ich einfach alles der Reihe nach.


Erzgrube Diepenlinchen in Mausbach.
Ölgemälde von Franz Hüllenkremer
Es ist noch gar nicht so lange her, vielleicht 100 oder höchstens 150 Jahre, als ich wieder einmal Gelegenheit hatte, die Menschen bei ihren Gesprächen unbeobachtet zu belauschen. Einige ältere Leute unterhielten sich über eine Begebenheit, die sich in Diepenlinchen zugetragen haben soll und, wie man aus der Unterhaltung heraushören konnte, meist von auswärtigen Bergleuten erzählt wurde.

In dunkler Tiefe
Nun müsst ihr wissen, dass Diepenlinchen damals ein riesengroßes Erzbergwerk kurz bei Mausbach gewesen ist. Es war sogar das größte hier in unserer Gegend. Aus diesem Bergwerk wurden teilweise die gleichen Erze gefördert, die wir bereits fast 2000 Jahre vorher hier auch schon geschürft hatten.

Wahrscheinlich könnt ihr euch das überhaupt nicht vorstellen; in diesem Bergwerk gab es Schächte, senkrechte Löcher also, die fast 400 Meter tief nach unten in den Boden gingen. Wenn ihr demnächst wieder einmal auf dem Donnerberg seid, dann schaut euch doch einmal den Sendeturm an. Dieser lange, hohe Sender könnte komplett in einem solchen Schacht verschwinden. Er würde sogar so tief in den Schacht hineinfallen, dass oben noch Platz für einen weiteren halben Sender übrig bliebe.

Ganz unten in diesen Schächten und insbesondere in den waagerecht davon abzweigenden Stollen herrschte vollkommene, tiefe, schwarze Dunkelheit, auch wenn oben auf der Erde an klaren Tagen ganz hell die Sonne schien.


Froschlampe. Foto: F. Holtz
Tatsächlich war es dort so dunkel, dass man wirklich überhaupt nichts sehen konnte, nicht mal die eigene Hand vor den Augen. Jeder Bergmann, der in diesen finsteren Stollen arbeitete, hatte natürlich seine Lampe, die er in der Bergmannssprache Geleucht oder Funzel nannte. Ohne dieses Geleucht hätte sich ein Bergmann in dem dunklen Stollensystem überhaupt nicht zurechtfinden können. Ohne Licht hätte er nicht mal den Schacht wiederfinden können, durch den man zurück nach oben ans Tageslicht kam. Das Licht der Funzel war für den Bergmann also lebenswichtig, und wenn dieses Licht verlosch, war der Bergmann in Schwierigkeiten, wenn nicht gar in höchster Gefahr.

Im Bergbau waren damals noch so genannte Froschlampen gebräuchlich, kleinere Metallgefäße mit einem schnabelförmigen Fortsatz. Diese Lampen wurden mit Öl gefüllt und ein Docht, der dieses Öl aufsaugen konnte, wurde durch ein enges Loch am Schnabelende durchgeführt. Hier konnte man die Lampe dann anzünden. Ähnlich hell wie eine Kerze brannte die Lampe dann so lange, bis das eingefüllte Öl verbraucht war.

Die älteren Leute, denen ich - wie ihr ja wisst - damals heimlich zuhörte, erzählten nun eine höchst merkwürdige Geschichte von einer solchen Froschlampe:

Das Licht des Berggeistes
Ein altes Bergmännlein in der Erzgrube Diepenlinchen, so begann diese Geschichte, merkte plötzlich am schwächer werdenden Schein seiner Funzel, dass dringend neues Öl in sein Geleucht gegossen werden musste. Sofort unterbrach der als Hauer tätige Bergmann seine Arbeit und machte sich auf den Weg zum Streckenposten, wo eine große Kanne mit Lampenöl bereitstand.

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Erzaufbereitung der Grube Diepenlinchen. Archiv W. Hamacher
Unterwegs kam ihm ein Licht entgegen, das den ganzen Stollen ausleuchtete und viel heller war als jedes Geleucht, welches der kleine Bergmann bisher je gesehen hatte. Der Träger dieses schönen Lichtes war ein hochgewachsener, fremder Bergmann, den unser Bergmännlein noch nie gesehen hatte. Beim Näherkommen grüßte der Fremde mit einem freundlichen "Glückauf". Mit einem Seitenblick auf die armselige Funzel des Bergmännleins meinte der große Fremde sehr besorgt: "Deine Lampe geht gleich aus". "Ja, ja", sagte das Bergmännlein, "ich bin gerade unterwegs zum Posten, um neues Öl aufzugießen".

Der Fremde, der in Wirklichkeit der Berggeist war, forderte das Bergmännlein auf, ihm seine Lampe zu geben, da er von seinem eigenen Öl nachfüllen wolle. Das Bergmännlein hatte sofort Vertrauen zu dem sympathischen Fremden gefasst und reichte dem Berggeist bereitwillig seine verlöschende Funzel. Beim vorsichtigen Eingießen des neuen Öls versprach der Berggeist dem Bergmann, er habe jetzt ein ebenso schönes und helles Licht wie er selbst. Auch müsse er fortan kein Öl mehr nachfüllen, da es sich nicht verbrauche. Aber er dürfe niemanden von dieser Begebenheit erzählen, weil sonst die Lampe sofort wieder verlöschen würde.

Seitdem hatte der kleine Bergmann tatsächlich das schönste und hellste Licht im ganzen Bergwerk. Natürlich wurde er oft gefragt, woher er dieses helle Licht habe, worauf er immer nur die Schultern hochzog und weiter nichts sagte. Als aber nach Monaten seinen Kameraden auffiel, dass er niemals Öl nachfüllte, wurde er doch sehr bedrängt, und alle wollten wissen, was es mit seiner Lampe auf sich hatte. Eines Tages wusste er sich nicht mehr zu helfen und erzählte seinem besten Freund von dem Berggeist und seinem Zauberöl. Sofort verlöschte seine Lampe und seither hatte er wieder nur eine normale Grubenfunzel, die er regelmäßig mit neuem Öl auffüllen musste.

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Erzbrocken (Zinkblende) aus der Grube Diepenlinchen.
Sammlung u. Foto: F. Holtz
Möglicherweise werdet ihr euch erinnern, dass auch ich in meiner Höhle eine Grubenlampe habe, die immer und immer weiter brennt, ohne dass man neues Öl einfüllen muss. Ganz zu Anfang hatte ich euch ja schon gesagt, dass ich das Geheimnis um meine Wunderlampe unter keinen Umständen verraten darf. Aber jetzt werdet ihr sicherlich verstehen, weshalb ich von dieser Wunderlampe nicht noch mehr erzählen kann. Oder möchtet ihr, dass es in meiner schönen Höhle plötzlich ganz dunkel wird?

Wenn der Galminus, so werdet ihr vielleicht denken, eine solche Wunderlampe hat, dann muss auch er den Berggeist irgendwann einmal getroffen und kennen gelernt haben. Und, so ist es tatsächlich auch gewesen. Als ich damals die Geschichte vom Berggeist und seinem Lampenöl hörte, war der Berggeist mir sofort sehr sympathisch. Wahrscheinlich deshalb, weil auch er - ähnlich wie wir Zwerge - den Menschen behilflich war. Die Leute erzählten nämlich auch noch, der Berggeist würde den Bergleuten manchmal auch Hinweise bei der Erzsuche geben. Wenn sich aber ein Bergmann schlecht benahm, wurde er vom Berggeist streng verwarnt, bisweilen sogar hart bestraft. Die Menschen, und insbesondere die Bergleute, schienen hohen Respekt, manchmal sogar Angst vor dem Berggeist zu haben. Insofern war das mit dem Berggeist eine ganz andere Sache als mit uns Zwergen, denn vor uns hat sich noch niemand gefürchtet.

Besuch vom Berggeist
Ich hätte auch nie geglaubt, dass mich der Berggeist einmal besuchen würde. Da hatte ich mich aber doch sehr getäuscht. Eines Tages nämlich hallte mit tiefer, mächtiger Stimme der Ruf "Felszwerg!" durch den Berg bis hinein in meine Höhle. Obschon dieser Ruf laut und mächtig durch den Berg rollte, klang er nicht zum Fürchten, sondern eher freundlich und wohlmeinend. Sofort wusste ich, wer gemeint war, und ich fühlte auch, dass es der Berggeist war, der mich rief. Wie er mich und meine Höhle gefunden hat, weiß ich nicht. Als ich ihn später danach fragte, meinte er nur, er wisse immer, was in seinen Bergen vorgehen würde.

Selbstverständlich krabbelte ich sofort aus meiner Höhle und zwängte mich durch die enge Felsspalte. Dicht davor stand die hohe, stattliche Gestalt des Berggeistes. Er trug seinen Arbeitsanzug mit runder Mütze und dicken Stiefeln, seine Arbeitstracht, wie man früher sagte.

Seinen besten Anzug, den ich später noch kennen lernen sollte, hatte er heute wohl zu Hause gelassen. Dies war eine mit Goldknöpfen besetzte Uniform, wie sie bei festlichen Gelegenheiten von den Bergleuten zur Bergparade getragen wurde.

Nach einer kurzen und freundlichen Begrüßung setzten wir uns beide auf einen Felsbrocken, der für mich viel zu hoch, für den Berggeist jedoch viel zu niedrig war. Während meine Füße ein gutes Stück über dem Boden baumelten, musste der Berggeist seine Beine weit ausstrecken, um bequem sitzen zu können.

Es war ein schöner, milder Tag und in aller Ruhe durfte ich dem Berggeist meine Geschichte erzählen. Mein ungleicher Partner hörte aufmerksam zu.

Als ich von meinen Zwergenfreunden erzählte, die - wie ihr ja wisst - vor langer Zeit fortgezogen sind, wurde der Berggeist zunehmend nachdenklicher. Nach längerem Überlegen meinte er dann, er wisse natürlich auch nicht, wohin diese Zwerge damals gewandert sind. Er habe aber eine Vorstellung, wo diese Zwerge letztendlich angekommen sein könnten. Seit vielen hundert Jahren nämlich gebe es in allen Bergbaugebieten, ob nun im Harz, im Erzgebirge oder im Alpenraum, solche Zwerge. Überraschenderweise, so meinte der Berggeist, würden auch diese Zwerge manchmal Penaten genannt, obschon die Römer und damit auch die ursprünglichen römischen Hausgeister in diesen Gegenden nie gelebt haben. Es könnte also gut sein, dass all diese Zwerge meine früheren Kameraden sind.

Das ließ mich natürlich aufhorchen. Möglicherweise gab es also doch die Chance, meine alten Freunde noch einmal wieder zu sehen. Als ich den Berggeist danach fragte, meinte dieser freundlich und gutmütig, dass sich das ganz sicher machen ließe. Er würde mir allerdings ganz dringend raten, bis zum Frühjahr zu warten, da es eine lange und beschwerliche Reise werden würde. Auch stünden in vielen Gegenden, wo meine Freunde heute wohnten, noch manche Bergwerke in Betrieb. Eine so schöne und ruhige Wohnhöhle würde ich dort sicherlich kaum finden. Es könnte also gut sein, dass ich vielleicht doch lieber wieder hierher zurück möchte. Und dann wäre es gut, die ganze schöne und warme Jahreszeit noch vor sich zu haben.

Obschon ich mittlerweile ganz unruhig und zappelig geworden war, musste ich dem Berggeist Recht geben und mich noch gedulden. Aber der Herbst hatte ja schon begonnen und die paar Monate Winter würden ja auch schnell vergehen.


Pures, so genanntes gediegenes Silber als Kristallbäumchen aus dem Erzgebirge.
Sammlung u. Foto: F. Holtz
Dort wo die heutigen Zwerge lebten, so erzählte der Berggeist weiter, würde man vielerorts pures und wertvolles Silber aus den Bergen holen. Und die dortigen Bergleute glaubten, die Zwerge seien die eigentlichen Besitzer all dieser unterirdischen Schätze. Man müsse sich also, so war die einhellige Meinung, gut mit den Zwergen halten. Aber mit den Bergleuten und mit den Menschen überhaupt war das so eine Sache. Viele, sogar die meisten waren fest davon überzeugt, dass es Zwerge gab, aber Genaueres wusste man nicht.

Es war also ganz so wie früher, die Zwerge hielten sich verborgen und vermieden direkten Kontakt mit den Menschen. Ähnlich wie das früher auch schon der Fall war, wurde manchmal auch behauptet, es gäbe die Zwerge nicht wirklich, sondern nur in der Vorstellung der Menschen. Der Berggeist wusste hierüber ganz Erstaunliches zu berichten. Es war nämlich nicht so, dass es manche Leute gab, die zwergengläubig waren und andere eben nicht, was man ja noch verstehen könnte. Nein, es gab ganz häufig Leute, die uns Zwerge je nach Laune und Stimmung als wirkliche und wahrhaftige Lebewesen betrachteten und nur wenig später glaubten, wir würden nur in der Vorstellung, in der Fantasie existieren.

Selbst dem Berggeist ging es, wie er sagte, ganz ähnlich, obschon er viel öfter mit den Menschen Kontakt hatte als wir Zwerge. Auch seine Existenz wurde je nach Laune und Stimmung bezweifelt, selbst von Bergleuten, die sich in den dunklen Stollen vor ihm fürchteten.

Insbesondere unter den Bergknappen gab es aber auch Leute, die Zwerge sogar herbeiwünschten. Wenn nämlich, wie man glaubte, wir Zwerge die eigentlichen Besitzer der reichen Bodenschätze sind, dann mussten genau dort, wo wir wohnten und hausten, diese Bodenschätze auch aufzufinden sein. Es gab sogar Bergleute, die von sich behaupteten, sie könnten die Anwesenheit, die Gegenwärtigkeit von Zwergen spüren, fühlen oder zumindest erahnen.

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Zwerg (oder Bergmann?) in Kapuzentracht.
Bildquelle: Bersch 1898
Die ausgewanderte Zwergengesellschaft hat, so erzählte der Berggeist weiter, mittlerweile die Arbeitskleidung (die sogenannte Kapuzentracht) der mittelalterlichen Bergleute übernommen. Sicherlich kennt ihr alle die Zipfelmützen unserer heutigen Gartenzwerge. So ähnlich sah auch die Kopfbedeckung der alten Bergleute und somit auch die Kopfbedeckung der Bergzwerge aus. Ursprünglich waren diese Mützen allerdings eher als Kapuze gearbeitet, so dass auch der Nacken des Trägers geschützt war. Von der Stollendecke herabtropfendes Wasser konnte also nicht in den Halsausschnitt oder Kragen laufen.


Mittelalterlicher Bergmann mit seiner Kapuze umgeben von Zwergen (Penaten):
Bildquelle: P. Niavis um 1490
Wenn sich die Bergleute in den stockdunklen, engen und niedrigen Stollen aus gebückter Haltung langsam aufrichteten, konnten sie mit dem Zipfel ihrer Kapuze die Stollendecke (das Hangende, wie der Bergmann sagte) ertasten, ohne mit dem Kopf gegen den harten Fels anstoßen zu müssen.

Die Zwerge, auch das erzählte mir der Berggeist noch, würden die Bergleute manchmal mit kleinen Steinchen bewerfen. Dies jedoch nicht, um die Bergleute zu ärgern, sondern um sie zu warnen, wenn sie sich an gefährlichen Stellen befanden.

Diese Geschichte wurde seitens des Berggeistes von einem auffälligen, verdächtigen Schmunzeln begleitet. Bevor ich ihn fragen konnte, meinte der Berggeist, er selbst würde die Sache mit dem Werfen von Steinchen nicht glauben, obwohl viele Bergleute immer und immer wieder davon erzählten. Wenn sich ein Felsbrocken (ein Sargdeckel, wie der Bergmann sagte) aus der Stollendecke löste, so war nach Ansicht des Berggeistes das vorherige Herabrieseln kleiner Steinchen und Erdkrumen die natürlichste Sache der Welt. Und, so mancher Bergmann habe durch einen schnellen, beherzten Sprung zur Seite sein Leben retten können. Das mit den Steinchen würde also wirklich und tatsächlich stimmen. Aber dass diese Steinchen von den Zwergen geworfen würde, daran hatte der Berggeist doch große Zweifel.

Obschon ich vor dem mächtigen Berggeist großen Respekt habe, glaube ich doch viel lieber daran, dass es die Zwerge sind, die durch das Werfen von Steinchen die Bergleute warnen. Nicht, weil ich es besser weiß, sondern, weil diese Geschichte so gut zu uns Zwergen passt. Ich jedenfalls könnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass ein Zwerg tatenlos zuschaut, wenn sich ein Mensch in Lebensgefahr befindet.


  

 

Der "sagenhafte" Galminus


Märchenmotiv (Schneeweißchen) von Ludwig Richter
Sicherlich habt ihr schon einmal gehört, dass die Leute behaupten, eine Sache oder ein Umstand oder eine Begebenheit sei märchenhaft, sagenhaft, fabelhaft oder legendär. Man meint damit immer irgend etwas, was so schön, so wundervoll ist, dass man es eigentlich fast nicht glauben mag. Man meint damit also irgend etwas, das fast so schön ist wie in einem Märchen, in einer Sage, in einer Fabel oder in einer Legende, wo ja auch von Dingen berichtet wird, an die wir nicht wirklich glauben.

Bestimmt kennt ihr auch schon einige Märchen oder habt davon gehört, wie beispielsweise von Aschenputtel, von Dornröschen oder von Frau Holle. Möglicherweise habt ihr auch selbst schon welche gelesen, vielleicht sogar die Geschichte vom Wettlauf zwischen Hase und Igel.

Wenn ihr dieses Märchen vom Hasen und Igel tatsächlich schon gelesen habt, dann kennt ihr auch bereits eine Fabel. Märchen nämlich, in welchen Tiere die Hauptpersonen sind, werden auch Fabeln genannt. Ähnlich verhält es sich mit den Legenden, nur dass es sich hier um Geschichten über Heilige handelt. Das heißt nun aber keinesfalls, dass die Heiligen Märchenfiguren sind, an die man nicht glauben sollte. Die Legenden sind Geschichten, die einem Heiligen zugeschrieben werden, ohne allerdings stimmen zu müssen. Aber selbst wenn die Geschichten nicht stimmen, bedeutet das noch lange nicht, dass der Heilige selbst auch den Märchen oder Legenden zuzurechnen ist.


Buchillustration von Gustav Süs (1855) zum Märchen "Der Hase und der Igel"

Jetzt könntet ihr vielleicht denken, dass auch die bereits erwähnten Sagen eine Art Märchen sind, die sich auch auf ein bestimmtes Thema beziehen, ähnlich wie die Fabeln und Legenden. Dies ist aber so nicht richtig. Genau genommen gehören die Sagen nämlich überhaupt nicht zu den Märchen.

Die Unterschiede zwischen Sagen und Märchen beziehen sich weniger auf die Inhalte als vielmehr auf die Form. Ihr werdet gleich verstehen, was ich damit meine. Während ein Märchen typischerweise eine doch schon etwas längere Geschichte ist, wurde eine Sage ganz kurz und knapp, fast ohne jegliche Ausschmückung erzählt. Dies jedenfalls gilt für die Originalfassungen, also für die Art und Weise, wie man sie vor mehr als hundert Jahren erzählt und teilweise auch niedergeschrieben hat.

Viel wichtiger, viel bedeutsamer ist aber ein ganz anderer Umstand. Eine Sage wurde in früheren Zeiten so erzählt, dass der Zuhörer die erzählte Geschichte glauben sollte. Auch der Erzähler selbst war meist von den Begebenheiten überzeugt, die in den erzählten Geschichten geschildert wurden. Jetzt ergibt sich natürlich die Frage, wie wir es denn heute mit diesen Geschichten halten sollen. Auch wenn in den alten Sagen manchmal von ganz phantastischen Dingen berichtet wird, an die wir heute sicherlich nicht mehr glauben können, sollten wir diese Erzählungen nicht einfach als Lügengeschichten abtun. Denn bewusst gelogen haben die Leute damals nicht.

Mittlerweile haben kluge Erwachsene einen Ausdruck, einen Begriff erfunden, mit dem man sich gut aus der Affäre ziehen kann. Man sagt nämlich heute, dass die Sagen vor langer Zeit mit einem Wahrheitsanspruch erzählt wurden. Damit ist man nun tatsächlich aus dem Schneider, weil man schon glauben kann, dass die heute unglaublich klingenden Geschichten früher einmal ernsthaft als wahre Begebenheiten erzählt wurden.

Bei genauerem Hinsehen lässt manche dieser alten Sagen allerdings auch Überbleibsel tatsächlicher Wahrheit erkennen. Bevor ihr nun ganz wirr im Kopf werdet, stelle ich euch vielleicht am Besten eine dieser uralten Sagen aus dem Stolberger Raum in der Originalfassung vor. Während des Erzählens möchte ich aber an ein paar Stellen einige Anmerkungen machen. Wenn mein Geplapper euch aber auf den Geist geht, dann lest bitte nur den Text in den Kästchen. Dann seid ihr auch ganz schnell fertig, denn ich hatte ja schon gesagt, dass Sagen üblicherweise ganz kurze Geschichten sind.

Im Römerfeld, und gleiches wird auch vom Schieverling erzählt,...

Römerfeld: Links der Straße von Gressenich über Werth nach Hastenrath in Höhe der Zufahrt zum BSR-Steinbruch (früher Vygen).
Schieverling: Gelände links der Straße von Mausbach nach Gressenich.

Hoppla, werdet ihr jetzt vielleicht denken, die Sage fängt ja mit einer ganz genauen Ortsangabe an und nicht mit "Es war einmal..." Aber genau das ist ein weiterer, typischer Unterschied zwischen Sagen und Märchen; oder habt ihr schon einmal gehört, wo genau Dornröschen oder Aschenputtel gelebt haben. Mit diesen präzisen Ortsangaben wollte man den Wahrheitsanspruch unterstreichen, man wollte zeigen, dass man es genau wusste.

...soll einmal ein uraltes Bergwerk bestanden haben...


Im Römerfeld

Im Schieverling
Fotos: F. Holtz

An vielen Stellen hat man in den angegebenen Örtlichkeiten während er letzten 100 bis 150 Jahren tatsächlich Reste römischer Bergwerke gefunden. Aber das konnten die Leute, die diese Geschichten vor langer Zeit erzählt haben, noch überhaupt nicht wissen. Trotzdem waren sie von der Wahrheit dieser Geschichte und von dem uralten Bergwerk überzeugt, weil schon ihre Eltern und Großeltern davon erzählt hatten. Und, wie sich im Nachhinein herausstellte, hatten sie ja auch tatsächlich Recht.

Es ist also über 1500 Jahre von einem römischen Bergwerk erzählt worden, welches kein Mensch mehr kannte. Auch wenn man damals keinerlei Beweis für dieses Bergwerk hatte, glaubte man diese Geschichte. In unserem Fall stellte sich später heraus, dass es dieses uralte Bergwerk wirklich einmal gegeben hat.

Wenn wir aber einmal annehmen, die Reste des Bergwerkes wären nie gefunden worden oder das Bergwerk hätte in Wirklichkeit nie existiert, auch dann könnten wir diese Sage nicht als Lügengeschichte bezeichnen, denn die Leute glaubten daran und konnten es auch nicht besser wissen.

...Hier sollen Bergleute von kleinem Schlage gearbeitet haben. Man glaubt, es seien Römer gewesen. Deshalb bezeichneten die früheren alten Leute von Gressenich Menschen von ungewöhnlich kleinem Wuchs mit dem Namen Römermännchen. Man berichtet sogar, dass solche kleinen Männchen, die man für Nachkommen der alten Bergleute hielt, hier in der Gegend als Zwerge bis in die jüngste Zeit gelebt hätten, und dass sie oft den Leuten zur Hand gingen.

Ganz zum Schluss berichtet die Sage noch von Zwergen und Bergleuten. Und diese Geschichte ist, wie ihr ja schon wisst, auch nicht nur einfach erfunden und erlogen. Aber darüber haben wir ja schon ausführlich gesprochen.

 

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